Von Pirouetten, Schleifen, Einbrüchen, doppelten Saltos und dem Versuch, Boden unter die Füße zu kriegen.
Vorwort
Nach langer Zeit des öffentlichen Schweigens melden wir uns wieder zu Wort. Um es gleich vorweg zu nehmen:
wir wollen nicht mit unserer Vergangenheit abrechnen; wir wollen aus ihr lernen und andere Frauen an dieser Erfahrung teilhaben lassen; wir wollen offen machen, welche alten und neuen Fragen sich uns stellen und welche Chancen und Aufgaben wir aus unserer Sicht auch in Zukunft sehen. Wir möchten, daß die Politik der Roten Zora weitergeht; ob uns das gelingt, wissen wir nicht. Wir wollen mit unseren Kräften dazu beitragen.
Die Kompliziertheit unserer Diskussionsstruktur bringt es mit sich, daß unsere Diskussionsprozesse sehr langwierig und mühsam sind. Der erste Entwurf für dieses Papier liegt schon über zwei Jahre zurück, was sich u.U. auf die Aktualität der Diskussion auswirkt. Wir präsentieren euch hiermit keine abgeschlossene Diskussion, sondern einen Einblick in einen laufenden Klärungsprozeß.
Wir repräsentieren nicht die Sichtweise aller Roten Zoras. Einige meldeten immense Widersprüche an – die sie aber zurückstellten, um unsere Veröffentlichung nicht zu blockieren. Auch unter uns existieren verschiedene politische Standpunkte und Schwerpunktsetzungen, die im Papier nebeneinander stehen. Unserer Auseinandersetzung liegt das Bestreben zugrunde, etwas Gemeinsames hinzukriegen.
In der Vergangenheit haben wir es oft nicht geschafft, unsere Diskussionen, Positionen und Fragen zu vermitteln. So ist dieses Papier also geschrieben, um unsere und eure Sprachlosigkeit zu durchbrechen.
Wir wünschen uns die Auseinandersetzung mit FrauenLesben, die eine revolutionär- feministische Perspektive in Kopf, Bauch und Herz haben und diese auf unterschiedlichen Ebenen umsetzen. Wir begreifen uns als Teil dieses Kampfes, in den wir unsere Positionen, unsere Erfahrungen, unsere besondere Form der Organisierung und Praxis einbringen wollen. Vorankommen werden wir darin nur, wenn wir die verschiedenen Ebenen des Widerstandes, der Entwicklung von Frauenstärke und der Angriffe auf dieses System zusammenbringen und wenn wir uns aufeinander beziehen, uns stützen, kritisieren und (mit allen Unterschieden) als Einheit begreifen. Sicherlich sind darin einige Neubestimmungen erforderlich, aber unser Handeln wird nach wie vor getragen von unserer Wut und unserem Haß auf die tagtäglichen, direkten und strukturellen Angriffe einer patriarchalen Gesellschaft und von unserer Hoffnung, die rassistische, antisemitische und sexistische Unterdrückung und Ausbeutung Weltweit abzuschaffen.
Voraussetzung dafür ist, daß wir FrauenLesben wieder zu einer frauenöffentlichen Diskussion über Ziele und Wege militanten Frauenwiderstands und zu einer stärkeren Organisierung finden, darin auch immer wieder die durch Angst vor Repression entstehenden Grenzen aufbrechen und erweitern. In jüngerer Vergangenheit haben wir von solch einer gemeinsamen Orientierung wenig gespürt und selbst wenig dazu beitragen können. [1]
Wir hoffen auf viele Diskussionen – nicht nur im stillen Kämmerlein – und neue Anläufe.
In den vergangenen 5 Jahren, in denen von uns praktisch nichts zu hören war, waren wir auf unserer Ebene mit inhaltlichen und organisatorischen Verunsicherungen, Aufgaben und Fragen beschäftigt. Verschiedene Ereignisse und Entwicklungen führten zu dem Gefühl bzw. der Einsicht, nicht einfach nahtlos weitermachen zu können: Da waren der Repressionsangriff mit den Fahndungen, Hausdurchsuchungen, Ermittlungsverfahren und Verhaftungen am 18.12.1987, der Niedergang der Bewegung gegen Gen- und Reproduktionstechnologien, der Golfkrieg, die Einverleibung der DDR, die Auflösung des Ostblocks, die Verschärfung rassistisch / antisemitisch / faschistischer Angriffe gegen Schwarze, gegen JüdInnen, Obdachlose, Lesben und Schwule, gegen behinderte Frauen, Kinder, Männer und gegen Linke, die Zunahme sexistischer Gewalt – öffentlich und ‚privat‘ – und die (wohl auch aus all diesen Ereignissen resultierende) Kraft- und Orientierungslosigkeit um uns herum. Parallel dazu führte die Kritik von Schwarzen und jüdischen Frauen an unserem weißen feministischen Selbstverständnis zu Verunsicherungen, mit denen wir jedoch oft nicht produktiv umgegangen sind.
Es stand (und steht) ein Nachdenken über neue/andere Welt- und Frauenbilder an und darin auch eine Auseinandersetzung über unsere Form der Organisierung und unsere politischen Mittel als Bestandteil eines radikal- feministischen Frauenkampfes – was u.a. heißt, die zu Worthülsen verkommenen Begriffe in ihrer Bedeutung wieder lebendig werden zu lassen.
Im Laufe dieses Prozesses haben sich viele Mitstreiterinnen der Roten Zora erstmal verabschiedet, in diesen Zeiten neue Schwerpunkte für sich gesetzt. Eine personelle Kontinuität ist also kaum gegeben. Wir „Alten“ und „Neuen“, die wir uns hier zu Wort melden, knüpfen an der bisherigen Politik an und wollen diese weiterentwickeln.
Entlang der Geschichte unserer Organisierung und unserer Praxis wollen wir unsere Entwicklung, unsere Vorstellungen, Ziele und Praxis von Frauenbefreiung mit all ihren Widersprüchen transparent machen und aus dieser Reflexion Schlüsse für eine zukünftige Politik ziehen.
Unsere Sprache…
Welche Schwierigkeiten wir mit bestimmten Begriffen, mit der Sprache hatten. kommt im Text selbst in den vielen Anfiihrungszeichen zum Ausdruck. Oft fiel uns kein passendes Wort ein, obwohl die patriarchale und/ oder hierarchische Definition auf der 1-land lag, z.B.: unversöhnlich. Dritte Welt etc. Oft verwenden wir Begriffe aus der linken Terminologie (Revolution, Produktivkraft, Guerilla etc.), wohl wissend, daß auch diese vor einem patriarchalen Hintergrund entstanden sind. Eine feministische Umwandlung der Bedeutungsinhalte geht jedoch nur langsam, und allgemeinverständliche neue Begriffe, die das ausdrücken, was wir meinen und wollen. gibt es (noch) nicht.
Ein anderes Problem war es, den unterschiedlichen Lebensrealitäten von Frauen auch sprachlich Geltung zu verschaffen. Die in den FrauenLesbenzusammenhängen seit einigen Jahren geführte „Unterschiedsdiskussion“ war/ist ein wichtiger und notwendiger Prozeß, um sich die Unterschiede unter uns Frauen, die ja für soziale Ungleichheiten und Machthierarchien stehen, als Voraussetzung für Unsere Widerstandspraxis bewußt zu machen. Schwarze Frauen forderten von uns, daß wir uns mit unserer Identität auseinandersetzen, unsere Täterinnenposition wahrnehmen und damit umgehen. Allerdings verkommt die Selbstdefinition (weiß. christlich säkularisiert. Mittelschicht. Lesbe/Hetera etc.) häufig zu einem ritualisierten Schuldbekenntnis und dient gleichzeitig als Ent- Schuldigung. Die ständige Benennung unserer Herkunft läuft Gefahr. zum ldentitätssiegel zu werden, womit soziale Kategorien zur quasi biologischen Unveränderbarkeit gemacht werden, aus denen es kein Entrinnen gibt. Diese Ent- Schuldigung tritt an die Stelle der Entwicklung eines feministischen Selbstverständnisses. das die eigenen Maßstäbe infrage stellt und die rassistischen und sexistischen Gewalterfahrungen anderer Frauen mitdenkt.
Zentral ist und bleibt die Praxis. die wir im Umgang mit und quer zu den sozialen Differenzen entwickeln. Selbstbezichtigung ist kein Weg der Auseinandersetzung mit eigenen Machtpositionen.
Wir verwenden im Text den politischen Begriff „Schwarze Frauen“ und meinen damit Frauen mit asiatischer, afrikanischer, pazifischer, arabischer usw. Herkunft bzw. Abstammung, obwohl wir darin eine Vereinfachung und Homogenisierung sehen. Es gibt von Schwarzen Frauen lange Ausführungen iu diesem Problem. und viele Migrantinnen lehnen für sich den Begriff „Schwarze Frau“ ab. weil für sie damit der Kampf der Frauen vom schwarzafrikanischen Kontiiient (seit der Sklaverei) verschwindet und die Tatsache übergangen wird, daß es Unterschiede in der Konfrontation mit Rassismus gibt. Frauen nennen sich heute „women of colour“ oder „Frauen aus …“ (entsprechendes Herkunftsland) oder Afro (entsprechendes Land, WO sie leben). Trotzdem benutzen wir noch den Begriff „Schwarze Frauen“. um damit ihre Unterdrückung durch den Imperialismus und den Rassismus des weißen Patriarchats zu benennen, von welchem wir weißen Frauen Teil sind. Und wir beziehen uns damit auf die Selbstdefinition von nicht- weißen Frauen und Männern. Schwarz nicht als Hautfarbe. sondern als politisches Befreiungsinteresse zu verstehen.
Unterschiede benennen wir dort, wo sie von Bedeutung sind und/ oder zum Selbstverständnis politischer Zusammenhänge gehören – z.B. FrauenLesben.
Den Begriff FrauenLesben finden wir – wie viele andere – nicht zufriedenstellend: es kann der Eindruck entstehen, als seien Lesben keine Frauen, ausgeklammert aus der sozialen Bedingung des Frauseins: die Differenz zwischen heterosexuellen Frauen und Lesben wird in diesem Begriff nicht auf gleicher Ebene sichtbar… „Heterosex und lesbische Frauen“ jedoch betont zu sehr die unterschiedliche sexuelle Orientierung. wo doch viel mehr an sozialen und ldentitätsunterschieden daran hängt. „Lesben und andere Frauen“ entspricht wiederum überhaupt nicht den gescllschaftl. (Macht- )Verhältnissen.
Die mangelnde sprachliche Alternative kann aber nicht zur Konsequenz haben, Lesben gar nicht zu erwähnen. Das würde die Bedeutung verschweigen, die lesbische Existenz und Identität für Unsere Zusammenhänge hatte und hat, und würde erkämpfte Positionen aufgeben. So benutzen wir an den entsprechenden Stellen den sich mittlerweile in der FrauenLesbenszene durchgesetzten Begriff FrauenLesben trotz der oben benannten Probleme.
„Wir/ Uns“ steht für größere FrauenLesbenzusammenhänge. wenn aus dem Text nicht klar hervorgeht, ob mit „wir“ unsere Gruppe oder der größere Zusammenhang gemeint ist. Ansonsten benutzen wir für beides das kleine „wir“, weil die Bedeutung meist aus dem Kontext hervorgeht.
Unsere Anfänge als autonome Frauengruppe
Unsere Konstituierung als autonome Frauengruppe innerhalb der Revolutionären Zellen (RZ) fiel mit der Entsolidarierungswelle mit bewaffneter/ militanter Politik in der BRD 1977 und einer Polarisierung innerhalb der FrauenLesbenbewegung zusammen. Der powervolle Aufbruch der „Neuen Frauenbewegung“ – mit ihrer anfänglichen Fülle militanter Aktionen gegen Sexismus und ihrem radikalen Umkrempeln der persönlichen Lebensverhältnisse – war im letzten Drittel der 70er Jahre schon verebbt. Unter dem Eindruck des „Deutschen Herbstes“ 1977 wurde der Gedanke an militanten Widerstand weitestgehend aus dem FrauenLesben- Bewußtsein (wie auch aus dem GemischtLinken (der Einfachheit halber und weil wir Abkürzungen soo lieben vielleicht kurz „Gemis“ genannt?!) verdrängt.
Ein Teil der FrauenLesben zog sich vom offensiven Durchsetzen der politischen Forderungen und den provokativen Aktionen in die Innerlichkeit und Esoterik zurück. Zunächst noch von vielen FrauenLesben als Erweiterung für feministisch- politisches Handeln begriffen, stellte sich dieser Weg schnell für viele als bewußte Abgrenzung von radikaler, öffentlicher feministischer Politik heraus.
Andere hielten daran fest, sich und andere darin zu stärken, soziale Räume gegen die sexistischen Gewalterfahrungen zu schaffen und z.B. autonome Frauenhäuser aufzubauen. Auch diese politisch sehr wichtige und notwendige Arbeit wurde damals von vielen FrauenLesben als Alternative und in Distanzierung zu militantem Widerstand gemacht und propagiert. Damit nahm die Professionalisierung und Institutionalisierung vieler FrauenLesbenprojekte ihren Anfang. [2]
Radikale FrauenLesben fühlten sich oft vereinzelt, viele gingen zurück in die auch sehr dezimierten Gemis.
Wir sahen in dieser Situation unseren Beitrag u.a. darin, die Idee und Praxis radikalen, militanten Widerstands entgegen aller Integrations- und Repressipnsmaßnahmen des Staates wachzuhalten. In dieser Zeit wurde die Fähigkeit des Systems deutlich,. Proteste zu integrieren und fundamentale Opposition zu Innovationsschüben zu nutzen, außerparlamentarische Politik als Kreativspender auszunutzen, andererseits Widerstandsstrukturen mit aller Härte zu zerschlagen. [3]
Das bestätigte uns, daß die Gegnerinnenschaft zum System sich grundlegender zeigen muß, weniger kontrollierbar sein sollte und nicht ihr Ende findet an staatlich gesetzten Grenzen. Die Aufrechterhaltung klandestiner Zusammenhänge war eine Konsequenz für uns, um in dieser politischen Eiszeit „im Herzen der Bestie“ die Ruhe zu stören und den Gedanken an die Angreifbarkeit der Herrschenden lebendig zu halten. Zugleich hofften wir, damit den militanten, klandestin organisierten FrauenLesbenwiderstand zu verbreitern und zu verankern.
Wir selbst empfanden das Verlassen der uns zudiktierten weiblichen Friedfertigkeit bzw. die bewußte Entscheidung für gewalttätige Mittel in unserer Politik als ungeheuer befreiend. Wir erlebten, daß wir mit unseren Aktionen Angst, Ohnmacht und Resignation durchbrechen konnten, und wollten dies anderen FrauenLesben weiter vermitteln.
Unser Widerstand war oft lautstark und explosiv und verursachte einigen Schaden, aber schwerpunktmäßig ging es um die Sichtbarmachung von FrauenLesben- Widerstand und entsprechend um symbolische Aktionen: „Gewalt wird erst sichtbar durch Widerstand.“
„Bildet eure eigenen Banden“ war die Parole der Anfangszeit, mit der wir zur Ausbreitung unserer Idee militanter Organisierung beitragen wollten. Auch der Name Rote Zora weckt(e) diese Assoziation. Wir machten unter diesem Aspekt Aktionen mit einfachen nachahmbaren Mitteln und griffen Themen aus der FrauenLesbenbewegung auf (§ 218 und Gewalt gegen Frauen). Wichtig war es uns zu zeigen, daß das Unrecht, die Gewalt nicht nur strukturell sind, sondern daß Täter greifbar, angreifbar sind: „Die Schweine haben Namen, Frauen, sucht euch die Adressen!“ (Aktion gegen die Bundesärztekammer in Köln, April 1977)
Wir sahen keine Hierarchie in verschiedenen Aktionsformen: Flugblatt verteilen, Besetzungen, Sprühaktionen, Schlösser verkleben, Steine schmeißen, Spreng- und Brandsätze legen – alles war wichtig, wenn es zusammengriff.
So ist es auch heute noch für uns richtig. Dabei haben wir allerdings die besonderen Bedingungen und Konsequenzen unserer Art der Organisierung und Praxis unter den Tisch fallen lassen. Im Wunsch, zur Nachahmung und damit Verbreitung unserer Aktionsformen zu ermuntern, stellten wir zeitweise unsere Organisierung so locker dar (Interview Emma, 1984), als könne jede mal eben so mit ihrer Freundin losziehen und das gleiche machen wie wir.
Auch wenn wir teilweise selbst im militanten Kleingruppengefühl agierten, verleugneten wir damit den anderen Teil unserer Geschichte und Praxis. Die dargestellte Lockerheit verschleierte die konkreten Barrieren/ Unterschiede. Wir unterschieden und unterscheiden uns von Kleingruppen durch die auf Langfristigkeit, Kontinuität und Verbindlichkeit ausgerichtete Organisierung. Diese ermöglicht(e) es nicht nur, einen anderen Hintergrund von Logistik aufzubauen, d.h. Kenntnisse, Fertigkeiten, Beschaffung materieller Mittel, die über einen Kleingruppenrahmen hinausgehen, sondern auch, kontinuierliche gruppen- und städteübergreifende Diskussionen zu führen und Befreiungsideen zu entwickeln. Das Primat der Praxis half uns dabei, Unterschiedlichkeiten und Differenzen teilweise stehen lassen zu können und uns einem weltweiten Befreiungsprozeß und den Frauen darin verbunden zu fühlen, aus dem wir einen großen Teil unserer Stärke bezogen.
Die Distanz, die wir mit dem Satz „wir sind nicht anders als ihr“ zu überwinden glaubten, vertieften wir damit. Das unterstützte den Mythos: Rote Zoras als fröhlich umherschweifende Rebellinnen, außerhalb der konkreten Mühseligkeiten des Alltags, allzeit zu jeder Schandtat bereit und fähig. (Solche Geschichten lesen wir uns auch abends im Bett gerne vor). Abgesehen davon, daß uns das in manchen Momenten schmeicheln mag – voran bringt es nicht so recht. Die FrauenLesben, die diesen Mythos mittragen und sich vielleicht darauf ausruhen, daß wir „es ja schon machen“, entziehen sich der Auseinandersetzung und der Möglichkeit, für sich selbst eine solche Form der Organisierung zu denken bzw. ihre Entscheidung dafür oder dagegen (für beides gibt es gute Gründe) auf politische Füße zu stellen.
In unserer Organisierung sind wir anders als andere FrauenLesben- Kleingruppen, als einzelne FrauenLesben sind wir es nicht. Wir sind alles andere als Heldinnen, manchmal schon zu normal, unsicher, ängstlich, manchmal kleinmütig, verbohrt und streitsüchtig.
Unsere Arbeit beinhaltet nicht nur die Sonnenseiten, die in erfolgreichen Aktionen zum Ausdruck kommen oder in einer emotionalen Bezogenheit aufeinander zu finden sind, in dem Wissen, uns absolut aufeinander verlassen zu können, Vertrauen zu haben, Gleiches zu wollen. Ebenso gibt es – bedingt durch die notwendige Klandestinität unserer Strukturen – eine ungeheure Vielzahl an kleinen mühseligen Schritten und Aufgaben, die uns mit unseren ganzen Schwächen und Unfähigkeiten konfrontieren und unsere Geduld auf die Probe stellen. Gefordert ist immer wieder eine gewisse Abstraktion, weil aus der Kleinarbeit und notwendigen Organisiererei oft nicht viel Identitätsstiftendes gezogen werden kann, in größeren Zeitabständen gedacht und geplant wird und werden muß. Viele Sachen macht frau alleine, oft fehlt das direkte Miteinander. Die klandestin angelegten Strukturen sind oft schwerfällig.
Unsere Identität ziehen wir zwar auch aus gelungenen Aktionen, vor allem aber aus der langfristigen Perspektive, eine militante Frauenorganisierung aufzubauen.
Nach wie vor finden wir verschiedene Organisierungsformen für subversiven Widerstand wichtig – also auch Kleingruppen aus der Frauenöffentlichkeit heraus, die durch die Einbindung in soziale Zusammenhänge, durch spontanere Handlungsmöglichkeiten usw. oft ausgesprochen lebendig sind, meist aber durch die Bullen einkreisbar, weshalb sie äußerst flexibel sein müssen und oft nur kurzlebig sein können. Darin alle Möglichkeiten auszuprobieren und auszureizen, ist nicht nur für die Stärkung der FrauenLesbenbewegung notwendig, es ist auch für unseren Lernprozeß wichtig.
Wir wollen aber ebenso, daß Frauen, die unsere Politik als Rote Zora richtig und wichtig finden, sich der Frage einer entsprechenden Organisierung stellen und nicht diese Art militanter Politik an unseren Zusammenhang delegieren.
wir tragen die Verantwortung, mit unserer Geschichte genau umzugehen, aber nicht die alleinige Verantwortung, diese Politik fortzuführen.
Als Feministinnen in den RZ…
FrauenLesben schufen sich in den 70er Jahren in der BRD immer mehr autonome Zusammenhänge, aus denen sie gegen die „frauenspezifische“ Unterdrückung kämpften. Der Kampf gegen die „allgemeine“ Unterdrückung wurde oft in gemischten Zusammenhängen geführt. Diese Trennung zwischen „frauenspezifisch“ und „allgemein“ machten wir zunächst auch. So drückten wir mit Aktionen gegen den Paragraphen 218 und Gewalt gegen Frauen (z.B. Sexshops, Frauenhändler) unsere Verbundenheit mit den Aktionen und Diskussionen der Frauenbewegung aus. Innerhalb der Kampagne gegen die Preiserhöhungen im städtischen Nahverkehr verteilten wir z.B. gefälschte Fahrkarten mit den Gemischten.
Mit dieser Aufspaltung waren wir keineswegs zufrieden, ging sie doch geradezu durch uns selbst hindurch: Bei der Beschränkung auf „frauenspezifische“ Themen grenzten wir einen Teil unserer Identität aus, den wir noch nicht so recht als durchaus auch „frauenspezifisch“ begreifen konnten. Bei den sog .“allgemeinen“ Themen verschwanden wir mit unserer Frauenidentität hinter den Männern bzw. einer patriarchal eingebetteten politischen Ausrichtung.
Wir waren auf der Suche nach Ansatzpunkten, in denen wir eine allumfassende feministische Sichtweise entwickeln konnten. So formulierten wir: „Gewalt gegen Frauen nicht als Ausnahme, sondern als durchgängiges HERRschaftsprinzip zu begreifen, hat zu der Erkenntnis geführt, daß der Kampf gegen persönlich erfahrene sexistische Gewalt nicht zu trennen ist vom Kampf gegen jede Gewalt des Systems.“ („Jedes Herz eine Zeitbombe“‚ Revolutionärer Zorn Nr.6, Jan.1981)
Nicht gemischt, sondern als Frauengruppe gegen „allgemeine“ Unterdrückung zu kämpfen, sollte eine Lösung sein: „Frauenkampf ist umfassend und beeinhaltet jeden Kampf gegen jede Form der Unterdrückung, Ausbeutung, Zerstörung und Menschenverachtung.“ (Rote Zora- Aktion gegen Kaußen- Anwalt Wagner zur Unterstützung des Häuserkampfes, 1980)
Auch mit dieser Sichtweise hielten wir indirekt die Trennung zwischen „frauenspezifisch“ und „allgemein“ aufrecht. Zwar blitzten Vorstellungen davon auf, wie unser Frauenkampf aussehen könnte, z.B. bei der Aktion gegen Siemens im Zusammenhang mit der Einführung neuer Technologien, die verschärfte Ausbeutung und Kontrolle gegen Frauen hier und in den Drei Kontinenten [4] bedeuteten; oder bei den Angriffen auf die Frauenhändler, deren Sexismus im direkten Zusammenhang mit imperialistischer Zerstörung und Vertreibung steht.
Konkret sahen wir uns weiterhin einer „Doppelbelastung“ ausgesetzt: Die Auseinandersetzung um „allgemeine“ politische Themen wie z.B. Häuserkampf, Knastkampf, Friedensbewegung, imperialistische Interventionen usw. führten wir letztendlich weiter vor dem Hintergrund eines patriarchalen Selbstverständnisses. So lange wir nicht in der Lage waren, in diesen Kämpfen auch Ansätze von Frauenbefreiung zu sehen bzw. sie direkt in antipatriarchale Kämpfe zu wenden, mußten wir uns ständig entscheiden, ob wir zugunsten einer aktuellen Beteiligung an diesen Kämpfen die Verfolgung unserer Fraueninteressen und die Entwicklung eines feministischen Widerstands hintanstellen sollten. Diese Überlegungen trugen zur späteren Trennung von den RZ bei.
Als selbständige Frauengruppe in den RZ lebten wir von Anfang an mit dem Widerspruch, daß wir im öffentlichen Rahmen die politische Autonomie von Frauen für unverzichtbar hielten, uns innerhalb unserer klandestinen Organisierung aber mit Männern arrangierten – zwar als selbständige Gruppe, aber mit der Verbindlichkeit einer gemeinsamen Organisation.
Dafür gab es verschiedene Hintergründe: Wir konnten in diesem Zusammenhang auf bereits entwickelte Strukturen und Erfahrungen zurückgreifen; wir trauten uns keine eigene tragfähige Struktur zu, da wir so wenige militante Feministinnen waren. Außerdem waren die militanten Kräfte (Ende der 70er/Anfang der 80er Jahre) innerhalb der Linken insgesamt so gering, daß wir meinten, Frauen und Männer müßten sich gegenseitig stärken.
Wir waren eng verbunden mit einer linken Geschichte und den entsprechenden Denkstrukturen und Handlungsmustern. In den Anfängen unserer militanten Frauenorganisierung gelang es uns noch sehr wenig, uns von diesen zu lösen und unsere Befreiungsvorstellungen und -wege auf feministisch- revolutionäre Füße zu stellen. Dafür gab und gibt es bis heute kein umfassendes Konzept. An diesem mitzustricken, haben wir uns seitdem vorgenommen.
Einige von uns hatten zudem die Illusion, daß in der existentiellen Verbundenheit des gemeinsamen Kampfes die Geschlechtergegensätze nicht so krass seien, die Radikalität „unserer“ Genossen sich auch in einer radikalen Infragestellung ihrer patriarchalen Identität ausdrücken müsse/könne; daß die Männer ihre Chance zur Erweiterung ihres Horizontes und Handlungsrahmens erkennen würden, indem sie sich an unserem feministischen Kampf orientierten. Diese Illusion wurde mit Sicherheit durch die heterosexuelle Orientierung der meisten Roten Zoras genährt.
Die zermürbenden, nie enden wollenden Streitereien, in denen wir begreiflich zu machen und durchzusetzen versuchten, daß Frauenkampf kein Teilbereichskampf sein kann, sondern daß die Befreiung vom Patriarchat grundlegend für jede Befreiung ist, und das Hinzukommen neuer FrauenLesben, die sich ganz bewußt in Frauenzusammenhängen organisieren wollten und nicht einsahen, warum wir irgendwelche Energien in Diskussionen mit Männern steckten, führten endgültig zur organisatorischen Trennung.
Erst in der Trennungsphase begriffen wir, daß nicht nur „unsere“ patriarchal denkenden und handelnden Männer in ihrer Unfähigkeit und Borniertheit eine fruchtbare Zusammenarbeit verhinderten, sondern daß autonome FrauenLesbenorganisierung für uns hier und heute – auch im militanten Kampf – eine grundsätzliche politische Notwendigkeit ist. Gemeinsame Organisierung mit Männern bindet nicht nur unsere Energien in der ständigen Auseinandersetzung um die Behauptung von FrauenLesbenpositionen, sondern sie bindet uns auch in von Männern gesetzte Diskussionsprozesse ein, bringt uns immer wieder auf das Gleis der Orientierung an männlichen Normen, die wir selbst oft tief verinnerlicht haben. Sie blockiert uns damit in unserem Denken und unserer Entwicklung und steht der Herausbildung einer revolutionär- ferninistischen Perspektive ständig im Wege.
Mit dieser klaren politischen und organisatorischen Trennung der Roten Zora von den RZ brachen wir mit der sonst von uns Frauen – um den Preis unserer Selbstverleugnung – wie selbstverständlich erwarteten Solidarität. Damit verweigerten wir uns der Vereinnahmung, die in der Behauptung liegt, Feminismus sei in ein linkes Konzept einzuordnen, was immer darauf hinausläuft, Frauenkampf einer „umfassenderen linken Zielsetzung“ unterzuordnen. Mit dieser völlig veränderten Voraussetzung und politischen Klarheit, die erstmal nicht von gemeinsamen Zielsetzungen ausgeht, sind punktuelle Bündnisse oder solidarische Verhältnisse mit Männern oder gemischten Gruppen nicht ausgeschlossen, werden so aber von uns bestimmt.
Frauen- Macht?
Unsere Entstehungsgeschichte ist nicht zu trennen von linken organisatorischen Vorgaben und vom politischen Klima der 70er Jahre, in denen die Befreiungsbewegungen und die Umwälzungen in der hiesigen Gesellschaft Hoffnungen auf gesellschaftliche Umbrüche greifbarer erscheinen ließen. Unsere damalige Verbundenheit mit den weltweiten revolutionären Kämpfen einerseits und mit der Frauenbewegung andererseits spiegelte sich in unserem widersprüchlichen Selbstverständnis: Sind wir eine Frauenbande, oder verstehen wir uns als Teil einer zukünftigen Frauenguerilla?
Diese beiden Pole – Orientierung auf ein Konzept von Frauenguerilla, die sich als Teil der antiimperialistischen Befreiungsbewegungen und Guerillagruppen versteht, und die Vorstellung, militanter Teil der Frauenbewegung sein und bleiben zu wollen, mit allen Beschränkungen, die das z.B. im Hinblick auf die logistischen Mittel und Möglichkeiten mit sich brachte – verkörperte sich in den verschiedenen politischen Selbstverständnissen einzelner Frauen (natürlich nicht in Reinform, sondern mehr als Schwerpunktsetzung). An diesen unterschiedlichen Ansprüchen konnten wir uns reiben, manchmal auch unfruchtbar streiten, konnten sie aber theoretisch nicht lösen. Es war gerade die Existenz zwischen diesen beiden Polen, die die Grundlage unseres Zusammenhalts und unserer Entwicklung als Rote Zora ausmachte. Praktisch durchgesetzt hat sich darin ein eigener Weg militanter Politik, der unsere Realität als Metropolenfrauen einbezieht, immer wieder hinterfragt und an der Suche nach einer Strategie von internationaler Frauenbefreiung festhält.
Einige von uns gingen Ende der 70er/ Anfang der 80er Jahre einen anderen politischen Weg in ihrem Kontakt zu einer internationalen Gruppierung. die sich dem palästinensischen Befreiungskampf zuordnete und am Aufbau bewaffneter Gruppen in Westeuropa interessiert war, begaben sie sich in große Widersprüche zu unserem feministischen Selbstverständnis, die dann zur Loslösung der Frauen aus unserem Zusammenhang führten. Dieser Prozeß wurde aus Gründen absoluter Geheimhaltung damals auch unter uns nicht offen gemacht und konnte so erst im Nachhinein zu unserer verspäteten Auseinandersetzung führen. (In diesem Papier erschient der Begriff Antiimperialismus als Ausdruck der Beschäftigung auch mit diesem Teil unserer Geschichte und unseres veränderten und noch nicht abgeschlossenen Verständnis davon.) Die Konsequenzen aus den Kontakten waren Angelegenheit der einzelnen Frauen und hatten keinerlei Einfluß auf unsere Politik Daß sich hinter dem Geheimhaltungsprinzip auch hierarchische und Macht- Strukturen verbargen, politische Entwicklungen nicht als politische Entscheidungen diskutiert wurden, ist uns erst seit Mitte der 80er Jahre deutlich geworden.
Weiter oben haben wir schon beschrieben, wie wir uns von Kleingruppen unterscheiden. Das Guerillakonzept ist insofern für uns heute keine Orientierung, als es darauf ausgerichtet ist, mit militärischen Formationen die Macht zu erobern. Wir wollen die patriarchale Macht nicht erobern, sondern zerstören. Machtübernahme, durchgesetzt und abgesichert mittels eigenständiger militärischer Formationen, kennen wir in der Geschichte nur als patriarchalen Herrschaftswechsel. Ebenso war und ist Machtabsicherung an Organe gebunden, die Herrschaft gegenüber den Unterdrückten gewaltsam und mit Waffen durchsetzen (können).
Militärische Bünde tragen bereits den Kern von Herrschaft in sich. Militärische Macht wird selbst dadurch nicht legitim, daß Menschen behaupten, sie zum Wohl anderer einzusetzen.
Militär ist von der Struktur her durch und durch patriarchal, ein zentraler Ort, an dem Männermacht und Unterwerfung in Reinform aufgebaut, Männeridentität und -herrschaft nach innen und außen gestärkt und praktiziert wird.
Macht ist für uns untrennbar mit Herrschaft verknüpft. Die patriarchale Herrschaft wollen wir bekämpfen, der Macht Grenzen setzen („Wir wollen die Macht zerstören“), uns durchsetzen/stärker werden und drücken das z.B. mit der Parole „Frauen an die Macht“ aus. An dem Punkt blenden wir aus, daß Macht (haben) eben auch immer Herrschaft (ausüben) bedeutet. Die sprachliche Gleichsetzung („Macht der Herrschenden“ – „Macht der Frauen“) ist einmal Ausdruck dafür, wie wenig genau von uns verwendete Begriffe inhaltlich gefüllt bzw. reflektiert sind. Darüber hinaus spiegelt sich darin unser Verhaftetsein in patriarchalen Denkmustern.
In Abgrenzung von herrschender Macht haben wir den Begriff „Gegenmacht“ benutzt, der den Kampf gegen die patriarchale Macht meint. Aber auch damit lösen wir uns letztlich nicht aus dem Denk- und Handlungsschema. Wir können nicht gleichzeitig Macht abschaffen und Macht erkämpfert, auch wenn wir weibliche Macht als anders, positiv begreifen: als Uberwindung von Ohn-Macht. Auch dieser Machtbegriff ist einholbar von dem, was Macht in dieser Gesellschaft heißt, nämlich Herrschaft.
In vielen Befreiungsprozessen/-kämpfen hat sich gezeigt, daß Gegenmacht faktisch die Vertreibung der Mächtigen bedeutet, um sich selbst an die Stelle im Machtapparat zu setzen. Dabei werden Machtstrukturen nicht zerstört, eher neue Herrschaftsverhältnisse eingeführt, natürlich mit der Idee, die Macht zum Wohle der Gesellschaft einzusetzen. [5]
Deshalb halten wir den Machtbegriff zur Beschreibung unserer Politik und Ziele für unbrauchbar. Das heißt in der Konsequenz, ihn nur noch in bezug auf die (be-)herrschenden Verhältnisse anzuwenden. Wir wollen weder die Machtübernahme noch unsere Kräfte mit denen des Gegners auf seiner Ebene messen. Einen Frauenhändler anzugreifen, einen Vergewaltiger zu bestrafen, ein Forschungsinstitut zu zerstören ist nicht Ausdruck unserer Macht, sondern unseres Willens, die Macht zu begrenzen.
Diese prinzipiellen Uberlegungen lösen aber nicht das Dilemma, daß wir zwar Machteroberung von uns weisen, aber Macht besitzen, d.h. an struktureller Macht teilhaben, die Weiße aufgrund ihrer ökonomischen, militärischen, sozialen und politischen Herrschaft auf dieser Welt durchgesetzt haben.
Auf diese Macht können wir nicht über eine Willensentscheidung verzichten. Unser einfacherer/gesicherterer Zugang zu Geld/Einkommensquellen, Arbeitsplätzen, sozialen Leistungen und Wohnungen kann nicht „abgelegt“ werden, denn er ist Ausdruck des gesellschaftlichen Gewaltverhältnisses gegen die „anderen“; wir können/müssen aber bewußt damit umgehen. Ein Festhalten an unseren Privilegien macht uns zu Gegnerinnen der Befreiung.
Anfangen können wir schon damit, Schwarzen Frauen den Job oder den Wohnraum zu überlassen; ihnen unsere Strukturen und Mittel von Öffentlichkeit und Gegenöffentlichkeit zur Verfügung zu stellen; unsere sozialen Bedingungen im Sinne einer gemeinsamen Perspektive von Befreiung zu nutzen. Wichtig ist, uns nicht abspalten zu lassen von den Erfahrungen anderer Frauen. Das bedeutet, raus aus den FrauenLesben- Ghettos, in denen wir gesellschaftliche Realitäten nur dosiert und gefiltert wahrnehmen und uns deshalb zu Vielem nicht verhalten (müssen). Wir brauchen Kontakte zu anderen Frauen, um die gesellschaftlich gewollte Distanz und Abtrennung zwischen uns bewußt und selbstverständlich zu durchbrechen.
Nicht nur als machthabende, sondern auch als unterdrückte Frauen werden wir dem widersprüchlichen Umgang mit Macht nicht entkommen“, weil z.B. kurzfristige Ziele oft nur unter Ausnutzung der bzw. dem Einlassen auf die patriarchalen Rahmenbedingungen zu erreichen sind.
Nicht nur Macht ist an Herrschaft gekoppelt, sondern auch Ohnmacht, nicht nur Sieg, sondern auch Niederlage, nicht nur Krieg, sondern auch „Frieden“, nicht nur Reichtum, sondern auch Armut etc. Diese Begriffspaare definieren sich jeweils über ihren immanenten Gegensatz, d.h. Macht existiert nur, weil Ohnmacht existiert und umgekehrt. Mit der Zielvorstellung, Macht zu überwinden, überwinden wir auch Ohnmacht, wenn Sieg keine Orientierung ist, kann auch die Niederlage nicht unser Denken und Handeln fesseln.
Wir wollen dieses patriarchale, immanent gegensätzliche und die Verhältnisse aus sich heraus immer wieder neu stabilisierende Begriffsdenken durchbrechen. Darin liegt vielleicht die Chance, Schritt für Schritt eine persönliche und kollektive Stärke zu entwickeln, die keine Verbindung zu Herrschaft hat.
In unserem Interesse liegt die Stärkung von politisch- sozialen Prozessen, die staatliche und andere patriarchale Macht- und Zwangsverhältnisse bekämpfen und das Leben feministischer (d.h. nicht nur antisexistischer und antirassistischer) Ideen permanent erweitern. Dabei meinen wir nicht die von staatlicher Seite geduldete Nischenpolitik, sondern den Prozeß, im Wechselverhältnis von gesellschaftlich – wie persönlich- patriarchaler Machtbeschneidung die Entwicklung, Festigung und Verteidigung von uns bestimmter Lebensverhältnisse als – Ziel zu verfolgen.
Auf diesem Weg gibt es sowohl bewaffnete Angriffe zur Blockierung des Machtapparates als auch die Notwendigkeit, erkämpfte Strukturen militant- bewaffnet zu verteidigen, aber nicht in arbeitsteiliger Form, in der etwa eine unter Waffen stehende Frauenarmee zuständig ist. Welche Struktur wir Uns geben, erwächst aus dem Prozeß Unserer Kämpfe.
Diese Vorstellungen scheinen, gemessen an der Gegenwart, so unreal zu sein, sind aber für uns eine wichtige Orientierung, weil Machtzersetzung statt -eroberung schon für hier und heute konkrete Konsequenzen hat, u.a.:
Angriffsziele nicht nach politisch- militärischen Kategorien zu wählen;
eigene interne Machtstrukturen zu bekämpfen,
hierarchische Strukturen aufgrund sogenannter „politischen Notwendigkeiten“ nicht zu akzeptieren.
Militante Organisierung nur im Zusammenhang mit sozialen/politischen Widerstandsprozessen legitim zu finden, heißt auch, der Hierarchisierung unserer Kampfformen entschieden entgegenzutreten. Sie geschieht leicht wegen des existentiellen Einsatzes im militanten illegalen Kampf und der Entschlossenheit, die darin zum Ausdruck kommt. Dieser Einsatz, verbunden mit der Entscheidung für „bewaffneten Kampf“ wird oft als revolutionäres Handeln per se mystifiziert. Die Kampfform an sich als besonders radikal zu sehen. losgelöst vom Inhalt, arbeitet einer Mystifizierung von Gewalt zu, die mit der herrschenden Definition von Gewalt nicht bricht. Diese Erfahrung haben viele ErauenLesben gemacht, die sich von Mackermilitanz umgeben oder sie gar gegen sich gerichtet sehen.
Im herrschenden Gewaltbegriff wird nicht die strukturelle, subtile und direkte Gewalt, die das Patriarchat ausmacht und stützt. als Gewalt definiert, sondern verschleiert und legitimiert. Vielmehr werden das Überschreiten dieses „Gewaltrahmens“ und die Gegenwehr gegen Unterdrückung als Gewalt denunziert. Dieser Gewaltbegriff ist nicht unserer. Die Frage „Gewalt ja oder nein“ weisen wir als Ideologie zur Legitimierung und Akzeptanz der herrschenden, die Gesellschaft durchziehenden Gewalt zurück. Die HERRschenden versuchen mit dem Aufzwingen ihres Gewaltbegriffs, den Widerstand zur Gewaltfreiheit zu verpflichten, und meinen damit vor allem die Respektierung der herrschenden Ordnung.
Sie benutzen die massive Zunahme sexistischer, rassistischer und antisemitischer Angriffe von Rechten und Neonazis und die Brutalisierung der Gesellschaft, um von der zunehmenden eigenen Gewaltsamkeit (z.B. Anti- „Sozial- Paket“; gesetzlich festgeschriebener Rassismus) und der gewollten patriarchalen und rassistischen Alltagsgewalt abzulenken und sie letztlich durchzusetzen oder Normalität bleiben zu lassen. Die heutige gesellschaftliche Realität ist stark von rechter Gewalt bestimmt. Die brutalsten rechten Terroraktionen (und nur diese) werden erst als Bild/Definition von politischer Gewalt „an sich“ herausgestellt, um im nächsten Schritt die Gleichsetzung von rechts und links zu behaupten. Damit wird versucht, militantem Widerstand die Legitimation zu nehmen und ihn besonders zu verfolgen. [6] Vor diesem Hintergrund ist jede „Gegengewalt“ mit einem negativen Nimbus umgeben. In dieser Situation müssen wir uns noch genauer damit auseinandersetzen und bestimmen, was und wie wir angreifen.
Gegen die Verbreitung der Parole „Keine Gewalt“ betonen wir, daß wir unter militanter illegaler Politik zuerst vom Inhalt her unversöhnliche Gegnerinnenschaft zu diesem patriarchalen System meinen, die sich in der Praxis ausdrücken muß.
Mit unseren Handlungen wollen wir diese Definitionsmacht durchbrechen und Gesetze, die zur Aufrechterhaltung dieses Systems geschaffen wurden, bewußt nicht achten, um darin unsere Option auf ein anderes Leben zu behaupten. Der Angriff auf und die Zerstörung von Institutionen, die die Gewaltverhältnisse organisieren und reproduzieren, und die Bestrafung von Tätern ist unabdingbar für die Entwicklung eines (Selbst-)Bewußtseins gegen die Akzeptanz und Verinnerlichung der herrschenden Normalgewalt – gerade auch gegen uns Frauen.
Frauenmilitanz und Stolpersteine
Im Laufe der Jahre hat es uns öfter verunsichert, daß militante Aktionen mehr aus der gemischten Szene kamen als aus FrauenLesbenzusammenhängen. Erfahrungsgemäß überlegen Frauen oft sorgfältiger als Männer das Was, Wo und Wie ihrer Aktionen, weil sie ihren Frauenstandpunkt deutlich machen und nicht in den gewohnt- gemischt- männlichen Mustern agieren wollen – vielleicht sind es auch deswegen weniger Aktionen. Oft werden Aktionen von FrauenLesben auch nicht einer breiteren Offentlichkeit bekannt, so daß ein „Weniger“ auch ein Trugschluß sein könnte. (Dabei wäre das Wissen über Aktionsideen für „Nachahmerinnen“ durchaus inspirierend.) Im Hinblick auf unsere eigene Praxis und unsere geringe „Verbreiterung“ haben wir immer wieder diskutiert, ob unser Weg noch zu sehr von „traditionell männlichen“ Strukturen und Verhaltensweisen geprägt ist bzw. von FrauenLesben von außen so wahrgenommen und deshalb vielleicht als Weg von vielen abgelehnt wird. Es ging uns in unserem Zusammenhang und in unserer Praxis auch immer darum, patriarchale Zuschreibungen von männlichen und weiblichen Eigenschaften / Handlungsweisen aufzubrechen, sie zu überwinden und jenseits von ihnen unsere eigenen – feministischen -Möglichkeiten zu entwickeln. So wenig neu und so schwierig das ist, so sehr bleibt es eine spannende Herausforderung, eine ständige Gratwanderung: Verhaltensmöglichkeiten, die uns vorenthalten werden, aufzugreifen, ohne in eine Übernahme „männlichen“ Verhaltens zu verfallen; im Bewußtsein als Frauen zu handeln, ohne damit „Weiblichkeit“ zu konservieren …
Militanz auf verschiedensten Ebenen ist uns als Frauen sicherlich nicht anerzogen worden. Fällt es Frauen deshalb schwerer, bestimmte Aktionsformen aufzunehmen? Die meisten von Uns haben Schwierigkeiten mit einer direkten gewaltsamen – physischen wie psychischen – Konfrontation mit dem Gegner. List und „Heimlichkeit“ sind dagegen altbewährte Frauenmittel. „Heimlichkeit“ ist auch ein Merkmal unseres Agierens, aber damit verknüpfen wir Angriff und Sabotage – das haben wir als eigenes Verhalten nun überhaupt nicht erlernt.
Es sind eher „männliche“ Verhaltensattribute, die mit unserer Politik und Organisierungsform verbunden werden könnten:
Abenteuer, Heldinnentum, Technikverständnis; vieles davon ist verbunden mit einem Mythos, weniger mit der Realität. Spannend ist es schon manchmal, ob etwas klappt, vieles ist aber eben von Geduld, Ausdauer und Kleinkram bestimmt. Technikverständnis prägt unsere Praxis ebenfalls nicht einschneidend. Meist sind es begrenzte konkrete Anforderungen und Fragen, die frau erfassen und lösen kann, wenn sie sich mit Interesse und einem Ziel vor Augen daran begibt.
Weitere Zuschreibungen/Ansprüche könnten sein: Einzelgängerinnentum, Sich- Heraushalten aus sozialen Verpflichtungen und Verbindlichkeiten in Beziehungen und Freundschaften, die verminderte Bereitschaft, sich auf diese einzulassen, Abstraktionsvermögen, nicht spontan, „aus dem Bauch heraus“ handeln, sondern langfristig planen, keine kurzfristigen Erfolgserlebnisse und Aktionsmöglichkeiten, Auseinandersetzungsbereitschaft über Theorien und Strategien politischen Handelns … Vieles davon hat Ähnlichkeiten mit dem Lebensentwurf für Männer in dieser Gesellschaft: Leben wird funktional geteilt, und man entledigt sich sozialer und reproduktiver Verantwortungen aller Art, für möglichst effiziente Leistung und Durchsetzung in voneinander isolierten Bereichen (Beruf, Freunde, Familie, Politik, Freizeit…).
Ergebnis dieses Prinzips, in das auch wir Frauen eingebunden sind, ist eine Zerstückelung des sozialen/gesellschaftlichen Lebens in lauter Einzelbereiche, die alle den Maßstäben von Funktionalität unterliegen (und die wir nicht mehr miteinander verbunden kriegen).
Dieser Zustand unserer Gesellschaft prägt auch die Art, wie hier Politik organisiert und gemacht wird: Persönliches, soziales Leben und Politik sind häufig getrennt voneinander, die politischen Anforderungen oft funktional: z.B. möglichst einplanbar und fit zu sein (Krankheit stört).
Merkmale dieses Prinzips sind eindeutig in unserer Politik enthalten.
Die Bedingungen von Klandestinität zum Schutz vor Repression verschärfen zusätzlich Trennungen zwischen unserem sozialen und politischen Alltag und unserer Rote- Zora- Realität.
Aber das ist kein Zustand.
Natürlich versuchen wir, gegen diesen Strom zu schwimmen:
wir agieren kollektiv, mit einem guten Gefühl zueinander. Wir stärken uns gegenseitig in unserer Frauenidentität. Und unsere Frauenidentität bestimmt unsere Politik.
Wir leben alle möglichen persönlichen und politischen Beziehungen, schaffen uns Raum für Persönliches, Lebendiges, Schönes, Reproduktives in unserer Politik, die davon nicht unbeeinflußt bleibt. All das läßt Aktionen gelingen.
Langfristige Planungen, Durchhaltevermögen und Geduld gehören zu unserem politischen Selbstverständnis und sind gleichzeitig zu unserem Schutz notwendig, was sich eindeutig öfter gegen die Spontaneität richtet.
Sind diese Widersprüche, die zu unserem Leben gehören, ein Grund, warum wenige FrauenLesben den Schritt zu uns oder zu einer ähnlichen Organisierung machen? Widerspricht das einer ‚ganzheitlichen‘ Vorstellung von Politik/Leben? und/ oder liegt es auch daran, daß viele Frauen sich lieber in gemischten Zusammenhängen organisieren, um den gewohnten durchstrukturierten Rahmen linker Politik nicht zu verlieren, anstatt sich in FrauenLesbenzusammenhängen auf neue Gleise, auf Auseinandersetzungen unter Frauen und einen eigenverantwortlichen Umgang mit Unseren Zielen als FrauenLesben, aber auch mit Unterschieden unter uns einzulassen?
Viele Fragen, die uns weiter beschäftigen werden, zu denen wir uns Kommentare, Rückmeldungen, Ideen und Positionen wünschen …
Einige Aktionen von uns
Um zu konkretisieren, was wir an unserer Praxis wichtig fanden/finden, welche Erfahrungen wir daraus gezogen und wie sich unsere Sichtweisen geändert haben, wollen wir noch einmal konkret auf einige unserer Aktionen aus früherer Zeit eingehen.
Angriffe gegen Sexshops
Unsere Aktionen gegen Sexshops 1978 drückten unsere Wut gegen die alltäglich erfahrene sexistische Erniedrigung aus. Sie sollten uns und anderen Frauen [7] in dieser Zeit abflauender Aktivitäten Anstoß geben, aus der Resignation wieder auszubrechen. Wir setzten dabei bewußt das Mittel Feuer ein. Die völlige Zerstörung sollte symbolisch unterstreichen, wie vehement wir die Normalität der Gewalt gegen Frauen brechen und die eigene Ohnmacht durchbrechen woll(t)en.
Sexshops mit ihrer sich aufdrängenden Präsentation von Frauen als Sexualobjekte für Männer, der selbstverständlichen Vermarktung von Frauenkörpern und der Kultivierung von (sexueller) Gewalt gegen Frauen, galten in der FrauenLesbenbewegung (und bei uns) damals als Kristallisationspunkt von Sexismus. In der Gewißheit, daß die sexuelle Enteignung und Zurichtung von uns Frauen eine ganz zentrale Bedeutung in unserer Unterdrückung einnimmt, rückte die Sexindustrie mit ihrem unverblümten Betreiben dieser gewalttätigen Identitätsberaubung ins Visier unseres Zorns.
Rückblickend sehen wir, daß eine gewisse Portion an unhinterfragter bürgerlich- christlicher Moral in die Bedeutung eingeflossen ist, die der Sexindustrie und ihren Läden als Ausdruck des Sexismus zugeschrieben wurde: ein Denken in Kategorien von „guter“ und „schlechter“ Sexualität, das den Blick auf andere, „normale“ Bereiche sexueller Gewalt gegen Frauen (Ehe, Familie, Heterobeziehungen, Erziehung zur Heterosexualität) versperrte bzw. einschränkte. Eigene sexuelle Beziehungen mit Männern (soweit sie gelebt wurden) hatten mit dieser Sorte sexueller Gewalt und Manipulation nicht unbedingt offene, unmittelbare Parallelen, konnten also separat behandelt werden bzw. im Privaten verschwinden und unangetastet bleiben. Auch der schwierige und widersprüchliche Umgang mit der „eigenen“ Sexualität wurde unter dem Einfluß dieser Moral eher tabuisiert, anstatt über sie (anknüpfend an die Aufbrüche innerhalb der FrauenLesbenbewegung Anfang der siebziger Jahre) mit Frauen zu reden oder sie mit ihnen zu leben, sie schrittweise zu verändern und zu einer Kraft von FrauenLesben werden zu lassen.
Ein anderer wichtiger Punkt ist die praktische Ausgrenzung der Prostituierten und der in der Sexindustrie arbeitenden Frauen und damit deren Abspaltung von ‚den übrigen Frauen‘ in unseren Angriffen (und Analysen). Sie wurden von uns insgesamt zu Opfern einer „besonders“ sexistischen Struktur erklärt, ohne die Ahnlichkeit mit vielen Bereichen der Normalität und das selbstbewußte, teilweise inzwischen organisierte Agieren eines Teiles dieser Frauen wahrzunehmen.
Sexshops begreifen wir heute nicht mehr als den zentralen Punkt, sondern als Teil einer ineinandergreifenden sexistischen Gewaltstruktur. [8] Offen propagierte sexuelle Gewaltverhältnisse und unterdrückerische sexuelle Praktiken, die in den Sexshops jedem Bieder- und Lebemann als Dienstleistung angeboten werden, ihre totale Ausrichtung auf Heterosexualität und deren Zementierung macht die Läden weiterhin zum Objekt unserer Wut. Mittlerweile ist das Repertoire, mit denen mann versucht, Frauen gewalttätig ‚im Griff‘ zu halten und damit die eigene Männeridentität zu stabilisieren, um vieles ausgeweitet und brutaler geworden. Der Erniedrigung und Zerstörung von Mädchen und Frauen sind keine Grenzen gesetzt bis hin zu ihrer Ermordung in den Snuff- Filmen. Sogenannte Soft- Pornos werden täglich übers Fernsehen frei Haus geliefert. Bei Angriffen auf Einrichtungen und Produkte der Sexindustrie gilt unser Widerstand der heterosexuellen und sexistischen Gewalt.
Es gibt also weiterhin allen Grund, Sexshops und Pornoindustrie zu bekämpfen. Wenn wir ihnen allerdings eine zentrale Funktion zuschreiben, werden sie leicht als Alibi benutzbar, um andere Bereiche von Gewalt gegen Frauen auszublenden. Aktionen gegen die Sexindustrie dürfen außerdem nicht die dort arbeitenden Frauen ausgrenzen oder schwächen; vielmehr sollte frau gucken, ob nicht vor dem Hintergrund gemeinsamer Ziele an verbindenden Interessen angesetzt werden kann.
Innerhalb der FrauenLesbenbewegung sind inzwischen viele andere Aspekte sexueller Gewalt ans Licht gezerrt worden, angefangen mit der Gründung von Frauenhäusern für geschlagene (Ehe-)Frauen (Häuser, die allerdings heute schon wieder durch ‚Verstaatlichung‘ weitgehend entpolitisiert sind), über die Auseinandersetzung zu Zwangsheterosexualität bis hin zu der Thematisierung sexueller Gewalt gegen Mädchen oder von Vergewaltigungen als Kriegswaffe.
Eigene Gewalterfahrungen und der Haß auf die ganze Bandbreite sexistischer Gewalt gegen Mädchen und Frauen waren und sind Antrieb für unsere Politik, auch wenn wir mit unseren Mitteln nur an wenigen Punkten dieser gesellschaftsumspannenden Struktur eingreifen konnten. Wir fühlen uns allen Frauen verbunden, die dies an anderer Stelle und mit anderen Mitteln tun und denen es wie uns um die Beseitigung dieser patriarchalen Struktur geht.
Frauenhandel
Mit unseren Angriffen auf die philippinische Botschaft und die Frauenhändler [9] wollten wir die in jedem Sinne grenzenlose sexistische Gewalt, die hinter dem Frauenhandel steckt, ans Licht der Öffentlichkeit zerren, sie intensiver in die Diskussion in FrauenLesbenzusammenhänge bringen und gesellschaftlich die Auseinandersetzung darüber erzwingen. Bis dahin waren es überwiegend kirchlich organisierte Frauen, die sich gegen die frauenverachtenden Praktiken wandten und auch konkrete Hilfe leisteten.
Wir wollten unsere Wut konkret gegen die Männer richten, die die Frauen in selbstHERRlicher und gewalttätiger Weise als Ware behandeln und die (Verfügungs-) Gewalt deutscher Männer über diese Frauen propagieren, organisieren und daraus ihren Profit schlagen. Diese Typen sollten nicht ungestört ihre Machenschaften durchziehen können.
Der Angriff auf die philippinische Botschaft traf exemplarisch eine der Institutionen, die Struktur und Voraussetzungen für den internationalen Frauenhandel bereitstellen, ihn fördern und die Staatskasse mit Devisen füllen. Eine etwas spektakuläre, explosive Form schien uns geboten, um einen möglichst großen öffentlichen Effekt zu erreichen und angesichts des Ausmaßes an sexistischer Gewalt, die Frauen damit angetan wird, und wegen der ungeheuerlichen Dreistigkeit, mit der Männer diese Versklavung versuchen und nutzen – vielen Frauen werden die Pässe genommen, sie werden eingesperrt und gegen ihren Willen zu illegaler Prostitution gezwungen. [10]
Ein sichtbarer Teil des „Erfolges“ unserer Aktionen war das Aufgreifen durch die bürgerlichen Medien: dadurch geriet das Thema und gerieten die entsprechenden Institutionen und Typen ins Blickfeld einer größeren, über die FrauenLesbenzusammenhänge hinausgehende Öffentlichkeit und unter Legitimationsdruck. Durch diese Medienöffentlichkeit wurde unser militanter Widerstand für viel mehr Menschen existent und von ihnen akzeptiert. Unsere Freude darüber erhielt aber durch Beifall von der falschen Seite einen Dämpfer: das Schulterklopfen der bürgerlichen Saubermänner und -frauen, die Frauenhandel ausschließlich deshalb stört, weil das nicht ’saubere‘ patriarchale Praxis ist. Es war uns nicht gelungen, die ’säuberliche‘ Trennung christlich- patriarchaler Doppelmoral zwischen „guten Ehemännern“ und „Heiratsvermittlern“ – also zwischen der „ordentlichen Verfügung“ über Frauen einerseits und „unseriösen Praktiken der Zuhälterei“ andererseits – aufzuknacken. Vor allem bei eher propagandistischen Aktionen ist das mit den Medien natürlich so ein Problem: sie verfremden, verkürzen, verdrehen und unterschlagen Nachrichten nach ihren politischen und/ oder Vermarktungsinteressen. Dieser Meinungsmache können sich auch die, die wir ansprechen wollen, nicht so einfach entziehen, solange sie keine anderen Informationsquellen haben. Kritisch wurde es, wenn für uns die Medienwirksamkeit selbst zum Maßstab unseres Erfolges zu werden drohte, weil darin unsere Eitelkeit Platz finden konnte. Eine „große Presse“ zu haben, kann nicht Bestätigung unserer Politk sein, sondern nur die Ausbreitung radikalen FrauenLesbenwiderstandes.
Es lag aber nicht nur an der Darstellung durch die Medien, daß die Inhalte verzerrt werden konnten: unsere Aktionen und unsere Argumentation selbst haben zu kurz gegriffen. Hintergrund war ein noch nicht durch Rassismus- und Unterschiedsdiskussionen geschärftes Fraueninternationalismus-V erständnis: Frauen sahen wir weltweit (letztendlich gleicher) sexistischer Gewalt ausgesetzt. Egal, wo auf dieser Welt, Männer sichern ihre Verfügungsgewalt über Frauen, und die Gemeinsamkeit dieser Erfahrung konstituiert ein gemeinsames (hieß: gleiches) Interesse an Befreiung. Frauenhandel schien uns eine auf die Spitze getriebene Praxis des Patriarchats zu sein, sozusagen pur, ohne jede ideologische Verbrämung. Uns in der Metropole tritt diese Macht zwar nicht ständig in dieser unverblümten Weise entgegen, doch wir waren getragen von dem Bewußtsein eines gemeinsamen Kampfes gegen den gleichen Gegner. Nur daß die vom Frauenhandel betroffenen Frauen noch zusätzlich – auf einer gesonderten Ebene – der imperialistischen Zerstörung ihrer Länder und Existenzgrundlagen ausgesetzt sind, die dafür verantwortlich ist, daß sie das „Angebot“ Heirat in die Metropole „annehmen“ müssen. Wir begriffen ihre Unterdrückung lediglich als Verdopplung der Gewaltstruktur.
Weil wir die Ursachen des Frauenhandels und Sextourismus nur als Herrschaftssystem gesehen haben und nicht als Wechselverhältnis zwischen den sich wehrenden Frauen als Subjekte und den Ausbeutenden, richtete sich unser Eingreifen nur darauf, die Sexgeschäfte zu unterbinden. Damit übergingen wir die betroffenen Frauen. Viele von ihnen treffen – wenn auch aufgrund einer Zwangssituation – die Entscheidung, die Arbeit in der Sex-industrie oder als Ehefrau hier den Existenzkämpfen oder der Abschufterei in den Weltmarktfabriken in ihren Ländern „vorzuziehen“ (z.B. können sie dadurch auch dringend benötigtes Geld nachhause schicken). [11] Das zu ignorieren, bedeutet, die Frauen lediglich zu Opfern zu machen. So beschreiben z.B. philippinische Frauen, daß sie auf der Straße hier immer den mitleidigen Blicken weißer Frauen begegnen, die sie nur als gefangene und verkaufte Frauen betrachten, als jeglicher Subjektivität beraubte Opfer.
In dieser Sichtweise verliert sich die Kenntnis, daß administrative Einschränkungen und Verbote die Sexgeschäfte nicht verhindern, sondern eher in die Illegalität abdrängen, was für die darin arbeitenden Frauen noch miesere Arbeitsbedingungen bedeutet. Bei Aufdeckung illegaler Händlerringe werden ja zuallererst die Frauen abgeschoben, sie haben keinerlei Rechte hier. Unter Aquino verabschiedete die philippinische Regierung z.B. Einschränkungen für offene Frauenvermittlungsagenturen und der Möglichkeit für Frauen, Pässe für die Ausreise zu bekommen. Die staatliche philippinische Reaktion auf die Proteste hier bedeutete eine massive Verschärfung für die Frauen.
Mit unsere Aktion haben wir nicht – wie es eigentlich unser Anspruch ist – die betroffenen Frauen in ihrem Kampf gestärkt, sondern sind über ihre Interessen hinweggegangen.
Heute haben wir durch die Kritik von Schwarzen FrauenLesben begriffen, daß es nicht die gleiche Erfahrung von Sexismus gibt. Daß und wie Männer sich Frauen (als Ware) anzueignen versuchen, ist meist auch gekoppelt mit rassistischen Gewaltverhältnissen, was zu einer anderen Realität von sexistischer Gewalt führt und von da aus auch zu verschiedenen Kämpfen dagegen. Nur in der Verbindung von Sexismus und Rassismus begreifen wir den Kern der Gewaltförmigkeit. Die Macht, die Männer sich im Frauenhandel sichern und ausbauen, schwächt uns FrauenLesben insgesamt. Wir als weiße Frauen müssen uns dazu verhalten, daß wir die Unterdrückung Schwarzer Frauen mittragen, wenn wir diese Tatsache nicht in unser Handeln einbeziehen.
In einem klandestin organisierten Angriff auf Frauenhändler sehen wir im Moment nicht vorrangig das geeignete Mittel, die Frauen zu unterstützen, eher durch eine offensive Präsenz von FrauenLesben an den Orten, wo die Frauen ankommen oder sich aufhalten oder von wo sie abgeschoben werden sollen (z.B.
Flughäfen). Dadurch gewährleisten wir auch eine gewisse ‚Kontrolle‘ der Frauenhändler – wobei das Risiko eines Hausfriedensbruchs bei denen schon zu verkraften sein müßte. Wir schaffen so vielleicht Kontaktmöglichkeiten, die helfen können, sowohl die Isolation voneinander, als auch die, in der die betroffenen Frauen hier leben, zu durchbrechen.
Eine weitere Möglichkeit zum Eingreifen ist es bestimmt auch, den Frauen, die aus diesen Zwangsverhältnissen raus wollen, Verstecke zu bieten, ihnen hier den Aufenthalt zu ermöglichen (z.B. mit Papieren, Geld, für eigenständiges Aufenthaltsrecht kämpfen) oder sie dabei zu unterstützen, woandershin zu gehen. Angriffe gegen Frauenhändler sind angebracht, wenn sie Frauen unter Ausnutzung ihrer beschissenen Situation in Verhältnisse pressen, die die Frauen keinesfalls wollen – häufig müssen sie sich mit ihrer Situation arrangieren, weil sie keine Alternative sehen und wir ihnen auch keine bieten. Oder wenn es möglich ist, die Allmacht, die die Händler aufgrund des Abhängigkeitsverhältnisses der Frauen haben, zu durchbrechen. Bei allen Aktionen müssen die Interessen der betroffenen Frauen im Mittelpunkt stehen. Ihre Entscheidungen und Interessen zu respektieren ist Voraussetzung für jede praktische Solidarität.
Auffällig – wenn auch nicht überraschend – ist, daß der sich im Frauenhandel manifestierende Rassismus in der Antirassismusbewegung in der Regel nicht vorkommt. So wichtig und richtig wir es finden, daß Frauen den sexistischen und rassistischen Bedrohungen durch Rechte und Faschisten etwas entgegensetzen, Solidarität mit den Verfolgten demonstrieren und wenn möglich Schutz anbieten, so unakzeptabel finden wir es, wenn die sexistisehen Gewaltstrukturen, denen Frauenflüchtlinge ausgesetzt sind, aus dem Blick- und erst recht aus dem Handlungsfeld verschwinden.
Daß die sexistische Dimension von Rassimus vernachlässigt oder ausgeblendet wird, hat etwas mit der gesellschaftlichen Wertung zu tun, die Übergriffe von Rechten und Faschisten eher als Politikum sieht als (rassistische) Männergewalt gegen Frauen. Es gibt (wenige) FrauenLesbengruppen, die in dem Spektrum zwischen Beratungsarbeit und öffentlichen radikalen Aktionen in Zusammenarbeit mit Immigrantinnen, Flüchtlingsfrauen und verschleppten Frauen gegen Rassismus und Sexismus aktiv sind. Wir finden, alle gegen den Rassismus aktiven Feministinnen sollten diesen Schwerpunkt setzen. Nicht, weil mann sich nicht um die Frauen kümmert, sondern um der patriarchal geprägten Sicht von Rassismus etwas entgegenzusetzen, den antipatriarchalen Kampf zu stärken.
Kampagne gegen Bevölkerungspolitik, Gen- und Reproduktionstechnologien
Nach unserer politischen Trennung von den RZ 1984 entschieden wir uns für eine Konzentration unserer Aktionen gegen Bevölkerungspolitik und Gen-/Reproduktionstechnologien. Wir hielten und halten diesen Themenkomplex für zentral im antipatriarchalen Kampf. Diese Technologien vergegenständlichen ein patriarchales Gewaltverhältnis, in dem die selbsternannten Herren der Schöpfung auf einer qualitativ neuen Ebene menschliches Leben und Natur durchdringen, zerstören, „Neues“ kreieren, um Leben zu verwerten, den Profit zu steigern und die Macht- und HERRschaftsstrukturen neu zu festigen. Das dem zugrundeliegende patriarchale Fortschritts- und Technologieverständnis bedeutet für die Menschen in den Drei Kontinenten und jetzt auch in Osteuropa Vernichtung und Zerstörung von Überlebensmöglichkeiten, bedeutet Zugriff auf das weibliche Reproduktionsvermögen, Betreibung selektiver/ eugenischer Be- und Entvölkerungspolitik.
Dagegen hatten sich Anfang der 80er Jahre immer mehr FrauenLesben engagiert, was kein Zufall war: FrauenLesben hatten den mit diesen Technologien verbundenen Angriff auf sich deutlich wahrgenommen und begannen, Widerstand zu organisieren. Weitgehend gemeinsame Basis war zunächst die grundsätzliche Ablehnung der betreffenden Technologien. Diese waren noch nicht ausgebaut und durchgesetzt, und viele FrauenLesben(gruppen) waren – wie lange nicht mehr – bereit, ihren Forderungen durch eine große Bandbreite von Aktionen Nachdruck zu verleihen. Darin sahen wir die Chance, die Pläne der Herrschenden zu durchkreuzen – da konnten und wollten wir uns mit unseren Mitteln einmischen, den Widerstand unterstützen und voranbringen. Wir wollten mehr als bisher: nicht nur demonstrieren, daß militanter Widerstand von uns FrauenLesben möglich ist, und einzelne Institutionen und Täterinnen exemplarisch heraus- und angreifen, sondern tatsächlich Schaden anrichten und Abläufe konkret stören, Entwicklungen verhindern.
Durch die längerfristige Konzentration auf den Themenkomplex beabsichtigten wir, eigene inhaltliche Schwerpunkte zu setzen. Zum Beispiel lag uns der ‚internationale Aspekt‘, der aus der Bewegung am ehesten rauszufallen drohte, besonders am Herzen. Wir wollten die imperialistische Dimension des Patriarchats betonen und eine Verbindung zu den Frauenkämpfen in Afrika, Asien, Lateinamerika herstellen.
Ein anderer politisch zentraler Punkt war die Humangenetik in ihrer eugenischen Ausrichtung, die eine Auseinandersetzung mit eigenen Leistungs- und Gesundheitsideologien einschloß. Der Kampf gegen Selektion und Ausmerze als gesellschaftliche Strukturprinzipien war uns ebenso wichtig, wie die Technologien als Mittel zur Stabilisierung von Heterosexualität und Mutterschaft als Norm für Frauen zu begreifen.
Wir wollten die verschiedenen Dimensionen dieser Herrschaftspolitik auf- und angreifen, unser Verständnis verdeutlichen, daß es sieh nicht um eine „Ein- Punkt- Bewegung“ handelt (Konzentration auf einen isolierten gesellschaftlichen Herrschaftsaspekt, ohne die politischen Zusammenhänge herzustellen), sondern um einen Angriff auf Grundpfeiler patriarchaler Herrschaftsstrukturen und -mittel.
Unsere inhaltlichen Vorstellungen drückten wir in folgenden Angriffszielen aus: [12]
März 1982: Schering – Duogynon, internat. Bevölkerungspolitik/ Zwangsterilisationen
April 85: Technologiepark Heidelberg – bio- und gentechnologische Grundlagenforschung – Beitrag zum Kongreß „Frauen gegen Gen- und Reproduktionstechnik“ in Bonn, August 85: Max- Planck- Institut Köln, Laborgebäude, Züchtungsforschung, Genzentrum für ‚Grüne Gentechnologie‘; Züchtung ‚politischer Pflanzen‘
August 86: Humangenetisches Institut der Uni Münster, genetische und soziale Kontrolle, Selektionspolitik, Eugenik; (Vernichtung von Forschungsunterlagen, Aktenklau und Veröffentlichung)
September 86: Gesellschaft für Biotechnologische Forschung, Braunschweig
Oktober 86: Genzentrum Berlin, Schering/ Grundlagenforschung März 88: Technische Universität Braunschweig – Bio- Zentrum, Zusammenarbeit Forschung/Uni und Industrie
Was haben Wir erreicht bzw. nicht erreicht?
Zunächst das Positive:
Für den Erfolg der Bewegung war sicherlich die noch nicht vorhandene gesellschaftliche Akzeptanz der Technologien von Bedeutung – sie waren neu, noch nicht durchgesetzt. Vor diesem Hintergrund erhöhten sich die Chancen für die breite Schaffung eines Widerstandes und/ oder einer grundsätzlich ablehnenden Haltung in weiten Teilen der Bevölkerung.
Gerade durch das Zusammenspiel der verschiedenen Ebenen von FrauenLesbenwiderstand konnten Wir eine Stärke entwickeln, die politisch und materiell spürbar wurde. Mehr und andere FrauenLesben als zuvor begriffen militante Aktionen als richtigen und notwendigen Teil der Bewegung.
Erfahrungen aus der FrauenLesbenbewegung und der AntiAKW- Bewegung hatten gesellschaftlich zu einer differenzierten Technologie- Kritik beigetragen, FrauenLesben entwickelten und verbreiteten die feministische Grundsatzkritik am Techno- Patriarchat.
Die Betreiber sind unter einen nicht zu unterschätzenden Legitimationsdruck geraten; eine gesellschaftlich breite Akzeptanz, auf die Politik, Forschung und Industrie angewiesen sind, konnte erstmal verhindert, die gesetzliche Absicherung einiger medizinischer und Forschungsprojekte zeitweise blockiert werden; [13] Investoren waren verunsichert, ob sie ihren Dreck in diesem Land durchziehen könnten. Teilweise sind sie ins Ausland ausgewichen. Einerseits war dies Ausdruck Unserer Stärke hier, andererseits zeigte sich die Schwäche von national begrenztem Widerstand.
Die „Anti- Gen- und Reprobewegung“ ist mit viel Frustrationen zu Ende gegangen. Die Stärke der Bewegung ist aus der zeitlichen Distanz heute klarer zu erkennen, subjektiv dagegen hatten einzelne FrauenLesben im politischen Alltag nicht das Erlebnis der gemeinsamen Kraft erfahren. Die Repression [14] spielte vielleicht bei einigen eine Rolle, reicht aber als Erklärung nicht aus. Je mehr Wir über die Machenschaften und die Dimensionen der Herrschaftspläne erfuhren und sie erfaßten, desto hilfloser standen Wir den unzähligen ‚Verästelungen‘, den verschiedensten ‚Unterthemen‘ gegenüber. Es erschien mehr und mehr müßig, den immer neuen Entwicklungen hinterherzulaufen und gegen sie spezielle Argumente zu sammeln, wo Wir doch wußten, daß sie letztendlich nur eine Variante des gleichen patriarchalen Drecks sind.
Die Erfahrung unserer eigenen Grenzen spürten Wir in der zwar verlangsamten, aber kontinuierlich voranschreitenden Durchsetzung der technologischen/medizinischen Projekte, begleitet von einem ungeheuren Werbeaufwand sowie den Akzeptanz- und Befriedungsstrategien von Staat, Wirtschaft und Medizin. Auch die Gegenseite hatte ihre Erfahrungen mit den widerständigen Bewegungen gemacht und fuhr den ‚Dialog- und Einbindungskurs‘ mit den Kritikerinnen. Ängste wurden aufgegriffen, vielen Frauen der ‚Wind aus den Segeln‘ genommen (viele haben ihn sich nehmen lassen). FrauenLesben wurden in das bürgerliche Ritual von Kritik und Gegenkritik verstrickt, in dem hinter dem Austausch scheinbar objektiver Argumente in TV- Shows oder im Dialog mit einzelnen Institutionen- VertreterInnen und Wissenschaftlerlnnen Unser subjektiver, eindeutig parteiischer Wille auf Befreiung allzu leicht verschwand. Das betraf sowohl FrauenLesben, die diesen Weg gegangen sind, um nicht in die Isolierung zu geraten und die Breite der Bewegung zu erhalten, als auch Frauen, die mit einem reformistischen Ansatz bewußt die Spaltung betrieben.
Auch inhaltliche Analysen haben zu kurz gegriffen. Die zentrale Bedeutung der Reproduktion war uns z.B. damals nicht so bewußt. Das drückte sich in unseren – noch stark von einem traditionellen Antiimperialismus geprägten – Analysen zur Bedeutung der Gentechnologie für die Landwirtschaften in den Drei Kontinenten aus. Sie standen auf schwachen feministischen Füßen: wir haben Gentechnologie in der industriellen Landwirtschaft als Fortführung der Grünen Revolution mit neuen Mitteln gesehen, in deren Folge die Ressourcen weiter zerstört werden, immer mehr Land enteignet und Hunger produziert wird. Dagegen sehen wir heute, daß die Zerstörung der vom Kapital nicht vereinnahmbaren, in der Hand der Frauen liegenden Reproduktion die grundsätzliche Voraussetzung für die Entmachtung der Frauen und die ungehemmte Ausbeutung von Menschen und Ressourcen ist.
Ein weiteres Defizit lag unserer Einschätzung nach in der zu selten gestellten Frage nach Verbindungen zu Frauen aus anderen sozialen Zusammenhängen als den eigenen. Positiv ist zu verzeichnen, daß sich in der Anti- Gen- und Reprobewegung eine enge Zusammenarbeit mit den FrauenLesben aus der Krüppelbewegung entwickelte und wichtige Impulse dieser FrauenLesben den Kampf radikalisierten. Dagegen spielten die Lebensverhältnisse von proletarischen Frauen und Immigrantinnen keine Rolle, Verbindungslinien wurden nicht gesehen oder gezogen. Am Rande aufschimmernde Diskussionen um die staatlichen Zwangsdurchsetzungen von z.B. pränataldiagnostischen Untersuchungen gerade gegenüber Frauen aus proletarischen Zusammenhängen, die der Technik erstmal indifferent oder ablehnend gegenüberstanden bzw. diese nicht aktiv für sich forderten, verschwand sehr schnell vom Tisch.
Die weißen Mittelschichtsfrauen, zu denen Wir größtenteils selbst zählen, trugen/tragen den Widerstand, aber aus den gleichen Kreisen wurde/wird die Durchsetzung über die breite Nachfrage nach genetischen Untersuchungen aktiv forciert.
Wir mußten feststellen, daß es viele Frauen auf der individuellen Ebene nicht schaffen, sich dem gesellschaftlichen und sozialen Druck (z.B. zur Anwendung von Pränataldiagnostik) entgegenzustellen. Wir haben sowohl die technologische Durchdringung unserer Gesellschaft unterschätzt als auch das Ausmaß, in dem Wir die erlernten Denkmuster selbst verinnerlicht haben (Eugenik; Umgehen mit Gesundheit und Krankheit; Rassismus). Auch in der radikaleren FrauenLesbenbewegung existierte also die Widersprüchlichkeit zwischen prinzipieller politischer Ablehnung und „privaten“ Überlegungen, ob eine individuelle Nutzung nicht doch möglich und vertretbar sei.
Sicherlich trug die fehlende genauere theoretische und strategisehe Bestimmung Unseres FrauenLesben- Kampfes zum Niedergang der Bewegung bei. Dieser Mangel wird immer wieder dazu führen, daß Niederlagen und „Krisen“ zum Verlust der Zusammenhänge und zur Aufgabe des Politikfeldes führen. Aufarbeitungen der Erfahrungen finden kaum statt, werden nicht kollektiviert und können dann keine neuen Impulse bieten. Das ist kein spezielles Problem der Bewegung gegen Bevölkerungspolitik und Gen-/ Reproduktionstechnologien, ist aber in diesem Zusammenhang zuletzt sehr schmerzlich deutlich geworden.
Widerstand gegen jedwede Form der Bevölkerungspolitik halten wir weiterhin für eine vorrangige Aufgabe.
Kontrolle und Gewalt über die reproduktiven Fähigkeiten der Frauen zu haben/auszubauen, sie patriarchalen Plänen zu unterwerfen, haben für das Patriarchat zentrale Bedeutung. gerade weil Frauen sich nicht den staatlichen/männlichen Forderungen unterwerfen, sich nicht widerstandslos dazu zwingen lassen.
Bevölkerungspolitik bedeutet immer die Sichtweise auf Menschen als demographische Größe; die Planungen haben nie individuelle Bedürfnisse der Frauen oder kollektive der jeweils betroffenen Gesellschaften im Sinn, sondern richten sich gegen die Existenz von Menschen, die im imperialistischen Patriarchat nicht verwertbar = nicht produktiv = überflüssig sind – gegen die Armen in den Drei Kontinenten, gegen behinderte, kranke, alte, leistungsverweigernde, Schwarze Menschen in der Metropole.
Die Programme zur Umsetzung der beiden zentralen patriarchalen Interessen – Kontrolle/Gewalt und Verwertung/Vernichtung werden ständig weiter betrieben, modernisiert und technisch perfektioniert:
Die staatlich und von internationalen Institutionen (WHO bis Population Council) gesteuerten Familienplanungsprogramme in den Drei Kontinenten setzen den Zwang zur Unfruchtbarkeit durch: neben der Sterilisation werden Hormonimplantate und – zumindest versuchsweise – immunologische Mittel, die sog. Antischwangerschafts“impfung“, eingesetzt, die Frauen langfristig oder auf Dauer die Möglichkeit der eigenen Entscheidung für die Re- Generation nehmen. Gesundheitsschäden der Frauen werden dabei bewußt in Kauf genommen.
Da alte Entvölkerungsprogramme oft nicht den gewünschten Erfolg zeigten, knüpfen heutige Programme stärker an Bedürfnissen der Frauen nach selbständiger unschädlicher Regulierung ihrer Fruchtbarkeit/Verhütung an; dieses Bedürfnis – durch die umfassende Vernichtung des Wissens über traditionelle Mittel als Abhängigkeit erst geschaffen – wird als Einfallstor zur Durchsetzung der Bevölkerungsdezimierung genutzt.
Bevölkerungspolitik wird heutzutage zur Umweltpolitik erklärt (das betreibt z.B. auch der BUND, der betont, daß ‚Überbevölkerung als Umweltproblem nicht vernachlässigt werden dürfe‘). Militärs erschießen Frauen beim Holzsammeln, weil der „tropische Regenwald als Lunge der Erde“ in den Blick geraten ist, der nun vor den Armen „geschützt“ werden muß. Sie – und nicht etwa die Kapitalisten/Imperialisten – werden zu den „Umweltschädlingen“ erklärt. Wenn das Land, die Meere, die Bodenschätze, die (Arbeit der) Menschen nicht mehr ausbeutbar sind, taugen sie noch immer als Abfalleimer und Giftmülldeponie für die reiche Welt. Nur die Menschen „braucht“ mann nicht mehr. In Steigerung der Konstrukte von „Überbevölkerung“ und „Bevölkerungsexplosion“ wird nun ideologisch die „B- Bombe“ (= „Bevölkerungsbombe“, in Analogie zu B- Waffen = Biologische Waffen) erfunden, die emotional die Angst des reichen Nordens vor dem Aufbegehren der Menschen des armen Südens ausdrückt und schürt und drastische Maßnahmen begründen soll.
Bis im September 1994 in Kairo die nächste Weltbevölkerungskonferenz stattfindet, werden wir hier weiter eine propagandistische Großoffensive gegen die definierte sogenannte „Überbevölkerung“ erleben. Wie wirksam dieses Denken jetzt schon ist, zeigt sich bis in linksliberale Medien (z.B. taz) hinein, die sich an der Beschwörung der „Bevölkerungsexplosion“ beteiligen.
Gegenüber weißen Mittelschichtsfrauen wird weiter Druck zur Fortpflanzung (auch: verinnerlichter Zwang) ausgeübt und „modernisiert“: das eigene Kind um jeden Preis als kapitalistisches Warenangebot mit vorgeschriebener Qualitätskontrolle. D.h. sowohl, daß der „Kinderwunsch“ vermarktet wird (technische Machbarkeit von Kindern trotz Unfruchtbarkeit, Adoptionskinder nach Katalog) als auch, daß das Dogma, frau ohne Kind sei nicht vollwertig oder könne nicht erfüllt leben, neu belebt wird.
Humangenetik und Pränataldiagnostik als Mittel zur Selektion nicht passenden Nachwuchses gehören inzwischen fast zur Normalität vorgeburtlicher Kontrolle.
Behinderte Frauen und Männer werden in ihren generativen Wünschen und ihrer Existenz durch das Zwangssterilisationsgesetz angegriffen.
Das BVG- Urteil zum § 218 schreibt erneut die Verfügungsgewalt des Staates über Frauen fest, erschwert die Abtreibung für Frauen und unterstreicht in der „Ausnahmebestimmung“ den staatlichen Willen zur Abtreibung bei eugenischer Indikation.
Die Bioethik „verwissenschaftlicht“ und legitimiert das Töten von als minderwertig definierten Kinder, Frauen und Männern.
Reproduktionstechnologen wollen den Prozeß des Kinderkriegens technisch ersetzen: Als „gehirntot“ definierte und damit als tot erklärte Frauen werden zu Produktionsmitteln gemacht, die sonst angeblich so vorrangig vor den Frauen zu schützenden Embryonen zu Versuchsobjekten; die Herstellung einer künstlichen Gebärmutter, zu deren Erforschung die Ärzte das „Material“ aus den Millionen Totaloperationen von Frauen beziehen, ist ebenso konkrete Praxis wie inzwischen das Tabu des Klonens von Menschen wieder aufgeweicht ist …
Widerstand gegen diese Programme und Praktiken bedeutet neben Angriffen und Aktionen die Reflexion und Veränderung des kapitalistischen Denkens in dem Gegensatzpaar gesund= produktiv= Lebensqualität / krank= unnütz= Leid; beinhaltet, sich vehement gegen jede eugenische Politik und das eigene eugenisehe Denken/Handeln (das auch in sog. „selbstbestimmter“ selektiver Abtreibung zum Ausdruck kommt, selbst wenn die einzelne Frau angesichts der Behindertenfeindlichkeit dieser Gesellschaft überfordert sein mag); bedeutet, sich eindeutig auf die Seite behinderten (und anders diskriminierter) Menschen zu stellen und mit ihnen die Ausweitung ihrer/unserer Lebensmöglichkeiten zu erkämpfen.
Völlig ausgeblendet bleibt hier ein riesiger Bereich der Gentechnologie, der nicht direkt mit dem Reproduktionsvermögen von Frauen verbunden ist: die Lebensmittelproduktion und die gentechnologisierte Landwirtschaft, durch die komplexe lebendige Prozesse völlig mißachtet werden und die technologischen Durchdringung des gesamten Lebens weiter fortsetzt.
Es ist keinesfalls so, daß wir diesen Bereich aus feministischer Sicht weniger wichtig finden – aber wir schaffen für dieses Papier keine Ausarbeitung dazu mehr.
Adler! Flair Fashion [15]
Unsere Vorstellungen von internationaler Solidarität konnten wir zuletzt mit unseren Angriffen gegen den Textilmulti Adler konkretisieren: Frauen aus anderen Kontinenten direkt in ihrem Kampf zu unterstützen, Machtverschiebungen zu ihren und Unseren Gunsten bewirken.
Der Angriff auf das Verwaltungsgebäude der Firma Adler in der BRD war symbolischer Ausdruck unserer Solidarität und der Bereitschaft, in den Konflikt einzugreifen, d.h. den Streik der Textilarbeiterinnen in der südkoreanischen Produktionsstätte zu unterstützen. Die Angriffe auf die Adler- Verkaufsmärkte hier boten real die Möglichkeit, Schwachpunkte zu treffen. Die Märkte waren nicht zu schützen, und wie der zündende Funke unserer Schwestern, der „Amazonen“, gezeigt hat, konnte bei dieser Form noch ’nachgelegt‘ werden [16]. Zusammen mit den vorhergegangenen öffentlichen Aktionen vor den Verkaufsmärkten (u.a. Information der KundInnen und Arbeiterinnen in den Adlermärkten über den Streik bei Flair Fashion in Südkorea) war der materielle und ideelle Schaden für Adler nicht begrenzbar. Hinzu kommt, daß Adler (zum Konzern Massa gehörend) zu der Kategorie von Multis zählte, denen die unmittelbare Profitsicherung wichtiger ist, als ‚politische Zeichen‘ zu setzen, also unserem Druck zugunsten übergeordneter Ziele nicht nachzugeben (was vom BKA ja schärfstens kritisiert wurde).
Unsere/ unsere Aktionen hier waren aber nur der Tropfen, der das Faß zum Überlaufen brachte.
Südkorea befand sich in der zweiten Hälfte der 80er Jahre in einer Situation sozialer und ökonomischer Umstrukturierung. Darin war der Kampf der Textilarbeiterinnen von zentraler Bedeutung. Die traditionelle Frauenrolle bedeutet Verantwortlichkeit für die materielle Reproduktion der Familie. Die Übernahme dieser Aufgabe gewährt Frauen einerseits starken Rückhalt in den familiären Strukturen; andererseits sind sie gezwungen, ihre Arbeitskraft unter verschärften Ausbeutungsbedingungen zu verkaufen, um ihrer Aufgabe gerecht zu werden. Viele Frauen wandern auf der Suche nach Arbeit in die Städte und Freihandelszonen ab. Von den geringen Löhnen versorgen sie auch die zurückgebliebene Familie. Die Löhne reichen allerdings oft kaum für das eigene Überleben. Bei Flair Fashion (100 prozentige Tochter von Adler) waren die Frauen zusätzlich permanent sexistischer Gewalt, besonders der Vorarbeiter ausgesetzt; politische und gewerkschaftliche Organisierung waren verboten.
Aus den widersprüchlichen Anforderungen entwickelte sich eine Kampfbereitschaft der Arbeiterinnen, die Unterstützung in den Frauenstrukturen der Städte fand, in autonomen und kirchlichen Unterstützungsbüros und Frauenzentren.
Langfristig und hartnäckig kämpften die Frauen gegen alle repressiven Maßnahmen für ihre Forderungen [17] und benannten offensiv sexistische Gewaltverhältnisse als Teil der Ausbeutung. Dies gab ihrem Kampf eine besondere Stärke innerhalb der zugespitzten Widersprüche im Land. Der Kampf bei Flair Fashion war erfolgreich, weil darin die spezifische politische Situation in Südkorea, die Stärke des allgemeinen Frauenkampfes, die Entschlossenheit der Arbeiterinnen, ihre kollektiven Strategien und schließlich die Unterstützung aus/in der Metropole BRD zusammenwirkten.
Der materielle Erfolg lag in der Durchsetzung der Forderungen der Flair- Fashion- Arbeiterinnen. Der politische Erfolg bestand/besteht in der Erfahrung der eigenen Kraft, Forderungen durchzusetzen. Der materielle Erfolg kann die Ausgangsbasis für weitere Kämpfe verbessern, er kann aber auch von der Gegenseite zurückgenommen werden. Was bleibt, ist die Erfahrung, daß wir in gemeinsamen Kämpfen Stärke entwickeln können, an der die herrschende Macht Grenzen findet.
Von solch einem politischen Erfolg können wir allerdings nur ‚zehren‘, wenn er nicht aus dem kollektiven FrauenLesbenbewußtsein verschwindet, wenn wir die Bedingungen, die dazu geführt haben, genau analysieren und von da aus unsere Strategie für weitere und andere Kämpfe entwickeln.
Aus so einem einzelnen Kampf und Erfolg gewinnen wir kein Patentrezept für die Zukunft, auch wenn in diesem speziellen sehr viel von unserer zentralen politischen Orientierung eingegangen ist. Im Nachhinein bzw. für die Zukunft scheinen uns besonders vier Aspekte wichtig, die wir praktisch und politisch angehen müssen:
Erstens: Im Kampf gegen Adler haben Frauen in Südkorea agiert, und in der BRD ist der Kampf auf legaler und illegaler Ebene unterstützt worden. Die einzelnen Bindeglieder der ‚Aktionskette‘ hier haben im Grunde genommen eher zufällig ineinandergegriffen – ‚Frauenzufälle‘, auf die wir uns zwar zum Teil aufgrund gemeinsamer Erfahrungen verlassen können, die aber nicht einen kontinuierlichen Informationsaustausch und Diskussionszusammenhang zu frauenpolitischen Strategien ersetzen können. Dazu ist eine wie auch immer geartete stärkere Organisierung/Vernetzung der radikalen FrauenLesbenkräfte nötig und eine verbesserte Kommunikation zwischen legaler und illegaler sowie auf internationaler Ebene.
Zweitens: Die Forderungen und der Kampf der Frauen in Südkorea sind vor allem durch die Flugblatt- Aktionen vor den Märkten und viele Veranstaltungen mit klaren politischen Positionen in die öffentliche Diskussion gebracht worden. Unter uns haben wir bei der Planung der Aktionen darüber diskutiert, ob und wie wir einen Bezug zu den Arbeitsbedingungen der Frauen hier in den Märkten herstellen können. Die Bezugnahme auf diese Frauen wurde nicht konsequent weiterverfolgt. Ein erster Schritt hätte z.B. sein können, die Adler- Arbeiterinnen über den Erfolg der international zusammenfließenden Frauenkämpfe zu informieren. Wieweit spielen da Berührungsängste und Ignoranz gegenüber Frauen aus anderen sozialen Zusammenhängen eine Rolle? Und – für die öffentlich agierenden Frauen: Wieweit hängt das auch mit der Angst vor Repression zusammen, wenn z.B. vermieden wird, militante Politik offensiv öffentlich zu vertreten? Auf jeden Fall überlassen wir bei diesem Vorgehen den Frauen das Feld, die auf institutioneller Ebene agieren und für sich in Anspruch nehmen, für alle Frauen zu sprechen, die ihre Systemtreue betonen und den militanten Widerstand oft auszugrenzen versuchen.
Drittens: Nachdem Adler ein Zugeständnis abgerungen war, tauchte das Thema in den öffentlichen FrauenLesbenzusammenhängen (bis auf Ausnahmen) nicht mehr auf. (Selbst in der Solidaritätskampagne nach dem 18.12.1987 haben nur wenige das Thema aufgegriffen, obwohl doch gerade die entsprechenden Aktionen von uns eine zentrale Rolle in den Anschuldigungen des BKA spiel(t)en.) Es existieren keine übergreifenden kontinuierlichen Zusammenhänge, in denen auch Nachbereitungen von Erfahrungen (Rückschläge und Erfolge) geleistet werden. Dieses Abhaken unserer eigenen Kämpfe trägt mit dazu bei, daß wir uns von einer ‚Kampagne‘ zur nächsten hangeln, uns die Verbindungen verlorengehen bzw. wir vieles nur als Einzelkämpfe begreifen können, die nicht durch allgemeine strategische Bestimmungen miteinander verbunden sind. (wir sagen es nochmal, auch wenn wir uns wiederholen).
Viertens: Anhand unserer Auseinandersetzung mit der Forderung der Südkoreanerinnen nach, eigenen Gewerkschaften ist deutlich geworden, wie sich unsere Befreiungsvorstellungen von der Metropole aus oft als eurozentristisches Denken zu unseren Vorstellungen von Internationalismus querlegen. Metropolitane Gewerkschaften wie die in der BRD sind ein reformistischer Faktor zur rassistischen Einbindung der ArbeiterInnen ins Kapitalverhältnis (Stichwort z.B. „Sozialpartnerschaft“), und schon gar nicht eine Organisation, die sich den Kampf gegen das Patriarchat auf die Fahne geschrieben hat. Daß Gewerkschaften in den Drei Kontinenten nicht die gleiche Funktion haben wie hier, erfordert den Blick über die eigenen Verhältnisse hinaus. Wollten wir unsere Sicht auf die Gewerkschaften als Institutionen hier auf Frauen aus anderen Kontinenten übertragen, die für sich unabhängige Gewerkschaften fordern, würden wir darin nicht nur koloniale Verhältnisse fortsetzen, sondern uns auch der Chance berauben, aus ihren Kämpfen und Forderungen zu lernen und unser begrenztes Denk- und Wahrnehmungsvermögen aufzubrechen, um Teil einer internationalen Frauenstärke zu sein.
Die Forderungen der Arbeiterinnen in Südkorea zu unterstützen, war eine einfache Entscheidung für uns. Schwierig wird es, wenn Forderungen sich gegen unsere Vorstellungen von Befreiung richten, sie in unserem Verständnis weitere Zerstörung bringen. Wir können derzeit keine verallgemeinernden Kriterien aufstellen. Wir brauchen eine grundlegende Offenheit und Bereitschaft, in jeder einzelnen Situation die Forderungen sehr genau zu diskutieren, die sozialen Verhältnisse, in denen die Forderungen stehen, begreifen. Auch unsere eigenen Maßstäbe müssen offengelegt, diskutier- und veränderbar sein, eigene Gewißheiten infragegestellt werden können. Häufig sind wir nur in der Lage, Verhältnisse in ihrer Widersprüchlichkeit zu beschreiben, Relativierungen vorzunehmen und am Ende vor lauter „wenn und „aber“ handlungsunfähig dazustehen.
Nur im praktisch politischen Handeln und im Mut zu möglichen Fehlern bringen wir unseren Klärungsprozeß voran. Dieser Prozeß bedeutet eine ständige Herausforderung zu lernen, uns auf neue Erfahrungen einzulassen. Wir wollen eine Beziehung zu den Frauenkämpfen in anderen Ländern herstellen, die weder vereinnahmend noch opportunistisch ist.
Hier in der Metropole ist es uns möglich, die Herrschenden dort anzugreifen, wo sie die Zerstörung und Ausbeutung anderer Kontinente organisieren und verwalten. Es ist nicht nur unsere Chance, die Verantwortlichen hier zu benennen und ihre Geschäfte zu durchkreuzen, sondern es liegt in unserer politischen Verantwortung, die Schwachpunkte der Herrschenden zu suchen und zum Angriff zu nutzen.
Welche Sprengkraft in den über nationale FrauenLesbeninteressen und Grenzen hinausgehenden Kämpfen und in der Verbindung der unterschiedlichen Kampfbedingungen und -formen liegt – von dieser Dimension haben die Aktionen gegen Flair Fashion und Adler eine Ahnung aufscheinen lassen.
Internationalismus
Aus den bisherigen Kapiteln geht hervor, daß der Internationalismus ein wesentlicher Bestandteil unseres Selbstverständnisses war und ist, was sich ja auch in unseren Aktionen niederschlug.
Unsere politische Identität als Frauen in der Metropole war in den 70er Jahren durch das Verbundenheitsgefühl und Solidaritätsverhältnis zu den trikontinentalen Befreiungskämpfen ebenso stark geprägt wie durch die Erfahrung des politischen Aufbruchs von uns Frauen.
Es ist uns heute oft nicht mehr bewußt, was den Unterschied zwischen dem damaligen und dem heutigen internationalistischen Grundgefühl ausmacht:
Mitte der 60er bis Mitte der 70er Jahre wurden die vielen trikontinentalen Befreiungskämpfe von den sichtbaren und beflügelnden Hoffnungen getragen, daß die mit der imperialistischen Abhängigkeit und Unterdrückung verbundene Herrschaft und Ausbeutung real abzuschütteln sei (Vietnam, Palästina, Angola, Mosambik, Südafrika, Zimbabwe/ Rhodesien, Bolivien, Chile, Uruguay…). Diese Hoffnungen trugen dazu bei, auch in den Metropolen für einen Umsturz dieser Herrschaftsverhältnisse zu kämpfen.
Die Vision einer weltweiten sozialen Revolution (wie sie damals fast greifbar schien) war auch unsere. Allerdings mußten sich die Frauen darin ihren Platz erobern und für die Durchsetzung ihrer eigenen politischen Ansprüche kämpfen.
Wir haben diese Rangordnung von nationaler/ antiimperialistischer und sozialer Befreiung damals indirekt akzeptiert, auch wenn wir versuchten, beide Richtungen miteinander zu verbinden nach der Devise: ohne internationale Revolution keine Frauenbefreiung, ohne Frauenbefreiung keine Revolution, das gehört zusammen.
Unser Blick war damals nicht vorrangig auf die Frauen in den Befreiungskämpfen gerichtet. Inzwischen wissen wir, daß viele Frauen mit eigenen Ansprüchen und Zielen gekämpft haben. Es hat noch vieler Auseinandersetzungen und konkreter Erfahrungen bedurft, um zu erkennen und selbstbewußt zu vertreten, daß Frauenbefreiung vielmehr Grundbedingung und Voraussetzung für eine wirkliche soziale Revolution ist.
Heute hat sich die schmerzhafte Erfahrung niedergeschlagen, daß nationale Befreiung und staatliche Souveränität weder das Ende von Ausbeutung und Herrschaft und der Abhängigkeit vom Imperialismus bedeutet noch Frauenbefreiung einschließt. Frauen führen den Kampf für ihre Befreiung auch gegen den Widerstand ihrer ehemaligen Genossen weiter.
Wie schwer es für Uns (meint ‚uns‘ im Sinne der größeren FrauenLesben- Zusammenhänge) war, unsere Denkmuster zu durchbrechen und FrauenLesbenwege zu beschreiten, für die es keine Vorbilder gibt, haben wir gerade in der Frage des Antiimperialismus immer wieder erfahren: Es ist ein Phänomen, daß viele weiße Frauen trotz eines ausgeprägten Frauenbewußtseins an einem starken Loyalitätsverhältnis zu bewaffnet kämpfenden antiimperialistischen Gruppen festhalten, auch wenn klar war, daß sie mit Frauenbefreiung wenig bis nichts im Sinn hatten und oft auch gegenüber sozialen Bewegungen eine zwiespältige (taktische) Haltung einnahmen. Anstatt sich mit den unterschiedlichen Realitäten („Metropole“ – „Trikont“) auseinanderzusetzen, genügten vielen militanten FrauenLesben ihre Projektionen von der Gemeinsamkeit eines weltweiten und militanten Widerstands für das gemeinsame Ziel einer „grundlegenden“ Befreiung -Antiimperialismus stand als Synonym für den Kampf gegen die Grundursache aller Herrschaft und Ausbeutung. Zu Beginn der 80er Jahre entwickelte sich unter FrauenLesben auf diesem Hintergrund der Streit darum, was grundlegender sei, das Patriarchat oder der Imperialismus – der Widerspruch ließ sich auch durch die Definition des dialektischen Wechselverhältnisses nicht ausbügeln. Er ging auch nicht auf in der Forderung von FrauenLesben, wir müßten aus unserem Wissen über die eigene Eingebundenheit ins imperialistische System uns klarer auf die Seite der imperialistisch Unterdrückten stellen.
Heute sind wir ein Stück mehr in der Lage, die damaligen Widersprüche zwischen unserem feministischen Selbstverständnis und antiimperialistischer Solidarität mit männlich geprägten Guerillastrukturen zu benennen. Eine Erklärung für die Verdrängung der Widersprüche mag die oft tiefergehende Entschiedenheit von Frauen sein, mit diesem System grundsätzlich brechen zu wollen. Männerdominierte Guerilla bietet Strukturen an, die Hoffnungen auf Brechung der imperialistischen Gewalt durch wirksame Gegengewalt unter Einsatz des eigenen Lebens wecken. Von der solchen Gruppen zugeschriebenen Entschlossenheit und Handlungsfähigkeit männlicher Couleur geht eine gewisse Faszination aus. Die damalige Beteiligung von vergleichsweise vielen Frauen am Kampf der Guerilla nahmen wir mehr als Bestätigung unserer Faszination wahr – die Frau legitimiert erst den bewaffneten Kampf, weil sie die ganze soziale Bandbreite des Widerstands repräsentiert und dazu noch „kämpft wie ein Mann“ – nicht aber als Ausdruck ihres eigenen Kampfes, der sich auch gegen ihre patriarchale Unterdrückung in ihrer Gesellschaft richtete.
Einerseits nehmen wir Frauen in der Guerilla oft als vehemente Vertreterinnen ihrer Positionen in marxistisch- leninistischen Parteien wahr, andererseits besitzen wir bis heute die Frechheit, sie als allzu unterordnungsbereit unter männlich- patriarchale Strukturen zu subsumieren, d.h. verschwinden zu lassen. Wir übernehmen so die männlichen Klischees von der Frau als Symbol für die Legitimität des bewaffneten Kampfes und machen sie darüberhinaus zu seinem Opfer.
Vielleicht ist eine Erklärung aber auch die uns antrainierte Definition über Männer und Akzeptanz von Autorität, auf die wir einen Teil unserer Identität projizieren, anstatt selbst für uns die Verantwortung zu übernehmen. Und schlüpfen wir nicht allzu leicht immer wieder in die Rolle der Für- Sorgerin, in der frau sich – im positiven wie im negativen Sinn – nicht selbst ins Zentrum stellt, sondern andere in schlechteren, existentielleren Situationen wahrnimmt, sich kümmert – und Widersprüche schluckt, hintenanstellt?
Eine genauere Auseinandersetzung haben wir wohl auch deshalb lange vermieden, weil wir unsere eigenen revolutionären Kräfte angesichts des weltpolitischen Geschehens als verschwindend klein und unbedeutend erachteten. Nur auf uns gestellt, müßten wir daran zweifeln, welche gesellschaftliche Kraft hier denn eine tragfähige Basis und breite Zustimmung für unseren Kampf abgeben könnte. Denn nur eine solche Sicherheit, getragen zu werden von den gleichen Hoffnungen und Kämpfen anderer, kann langfristig den Mut zum Widerstand lebendig halten. Die Faszination von Befreiungsbewegungen auf uns beruht(e) auf diesem teilweise mystifizierten und teilweise realen Unterschied:
Sie werden meistens von einer sozialen Basis in ihrer Gesellschaft getragen, die in sie die Hoffnung auf Beseitigung ihrer Unterdrückung setzt. Diese Hoffnung der Menschen knüpft sich an den Anspruch und die Chance dieser organisierten Bewegung, den Widerstand zu einer gemeinsamen Kraft zu bündeln (und trägt ihn gleichzeitig mit), an der die herrschende Macht sich bricht. Das Wissen, daß ohne organisatorische Strukturen die sozialen Befreiungsschritte der Menschen nicht geschützt werden können [18], und daß Befreiungsbewegungen diesen Anspruch verkörpern, macht sie immer wieder zu Projektionszielen unserer eigenen Ohnmachtserfahrungen.
In der Zeit der relativ stark entwickelten Kämpfe mit der Aussicht. dem Imperialismus real die Stirn bieten zu können, war die Faszination und gleichzeitige Mythenbildung über bestimmte Befreiungsbewegungen so groß, daß die Beschäftigung mit der wirklichen Realität von keinem Interesse war, im Gegenteil: Als der vietnamesische Befreiungskampf 1975 gewonnen war, redete niemand mehr darüber, weil er durch das Bekanntwerden seiner Widersprüche als Mythos nicht mehr taugte. 1991/92, zur Zeit ihres großen Aufschwungs, als die PKK mit ihrer relativ hohen Beteiligung von Frauen und mit ihren militärischen Erfolgen immer mehr Zustimmung bei den Kurdinnen fand, feierten einige FrauenLesben den Mythos ihres beinahe feministischen Führers Apo. In der Faszination radikaler FrauenLesben gegenüber bewaffnet kämpfenden Gruppen und Bewegungen spiegelt sich auch das weitgehende Fehlen radikaler FrauenLesbenkämpfe hier wider, die Unzufriedenheit und Resignation angesichts der eigenen unverbindlichen Strukturen.
Projektionen tragen jedoch dazu bei, schlechte Zustände zu stabilisieren, anstatt sie zu verändern. Darüber hinaus ergibt dies keine tragfähige Basis für Solidarität, weil frau damit die von den Befreiungsorganisationen selbst vertretenen Ansprüche nicht ernst nimmt.
Wir fragten uns, ob die Sympathie mit bestimmten Befreiungsorganisationen nicht auch mit der Nähe zusammenhängt, die wir über gemeinsame Wurzeln mit ihnen haben. Unser feministisches Empfinden und Geschichtsbewußtsein ist noch immer mit dem Fortschritts- und Entwicklungsgedanken der abendländischen, patriarchal- bürgerlichen Überlegenheit verwoben. [19]
Die weiße FrauenLesbenbewegung hat die Entwicklung der patriarchalen Technologien zur Zerstörung, Unterwerfung und Vernutzung der Erde („der Natur und der Frauen“) zu einem ihrer zentralen Themen gemacht. Trotzdem ist das rassistische Gefühl von der eigenen Überlegenheit, die positive Besetzung von „Entwicklung“ der weißen Gesellschaft noch immer sehr tief in uns verankert: z.B. fühlen weiße Frauen sich hier schon viel befreiter gegenüber den „besonders schlimm unterdrückten“ Frauen in wenig industrialisierten, als „unterentwickelt“ betrachteten Gesellschaften. Das zeigt sich besonders in den rassistischen Urteilen gegenüber Frauen aus/in islamischen Ländern. Dieses fortschrittsgläubige Aufklärungsdenken bildete als Ideologie der Höherentwicklung der Produktivkräfte auch eine der Grundlagen für die marxistisch- leninistisch inspirierten Konzepte vieler Befreiungsbewegungcn der 60er bis 80er Jahre.
Wir finden es darum wichtig, den westlichen Einfluß abendländischer Ideen und Überlegenheitsansprüche auf antiimperialistisehe Befreiungskonzepte in den Blick zu kriegen, wie er in ML- Modellen von gesellschaftlicher Entwicklung zum Ausdruck kommt. Die Anziehungskraft des westlichen „Entwicklungsmodells“ ist/ war bei vielen Menschen in den Drei Kontinenten verbunden mit der Hoffnung auf den westlichen Wohlstand. wobei übersehen und von den Marxisten verschleiert wird, daß der Wohlstand ja gerade auf der Ausplünderung derer beruht, die hoffen, diese „Entwicklung“ nachvollziehen zu können. Dabei geht es uns nicht um eine generelle Beurteilung von Befreiungsbewegungen und ihrer Kämpfe gegen den Imperialismus, sondern darum, Positionen für unsere eiuetien Handlungen und jenseits der abendländisch- patriarchalisch Befreiungskonzepte zu entwickeln.
„Fortschritt“ und Reproduktion
Wesentliche Grundlage marxistisch- leninistischer Befreiungskonzepte ist der bürgerlich- abendländische Fortschrittsgedanke. Nach ML- Auffassung ist der Kapitalismus mit seiner besonderen Form der Entwicklung der Produktivkräfte und der Konstituierung des Klassengegensatzes zwischen Lohnarbeit und Kapital (und der damit verbundenen Fortentwicklung patriarchaler Macht und sexistischer Arbeitsteilung – aber davon wird nicht so genau geredet) eine gesellschaftlich notwendige und damit eigentlich „fortschrittliche“ Entwicklungsstufe auf dem Weg zum Kommunismus. Den Übergang vom Kapitalismus zum Kommunismus bildet der Sozialismus, der die kapitalistische Form des Patriarchats nicht abschaffen, sondern nur „vergesellschaften“, d.h. verstaatlichen soll. Der Staat erhält Macht über die Organisierung und Aneignung der (von der gesellschaftlichen Reproduktion entfremdeten) Arbeit bzw. des Mehrwerts. Der Staat soll dann aber nicht mehr als Ausbeutungsorgan, sondern als „Verwalter der Interessen der Arbeiterklasse“ begriffen werden. Der männliche Glaube an die Fortschrittlichkeit der „Entwicklung der Produktivkräfte“ – innerhalb zu schaffender zentralistischer Nationalstaaten – ist nicht zu trennen vom Glauben an die Fortschrittlichkeit des patriarchalen Aufklärungs- Bürgertums im kolonialen Europa. Dieser „Fortschritt“ beruhte im wesentlichen auf der Ausplünderung und Zerstörung von Reproduktionsstrukturen in nichtkapitalistischen Gesellschaften in den Drei Kontinenten und auf der Neuorganisierung von Gewalt- und Aneignungsformen gegenüber Frauen und ihrem reproduktiven und Arbeitsvermögen. Die Weiterentwicklung der Produktivkräfte geht seit der Durchsetzung des Kapitalismus einher mit der Weiterentwicklung des Widerspruchs zwischen voneinander getrennter Produktion und Reproduktion. „Ursprünglich“ (gemeint ist: in einer Gesellschaft frei von Ausbeutung und Macht) stand „Arbeit“ für eine umfassende gesellschaftliche Lebenspraxis: die Wiedererneuerung des Lebens und kulturelle Tätigkeiten als Ausdruck der Beziehungen zwischen den Menschen und der Natur bzw. ihrer Umwelt – im umfassenden Sinn gesellschaftliche Reproduktionsarbeit. Der Kapitalismus hat diese umfassende „Arbeit“ zum Zweck ihrer Umwandlung in Kapital auf den Kopf gestellt, die „produktive“ Arbeit geschaffen (zum Zweck des Mehrwert- Raubs), indem er die „Reproduktion“ davon abtrennte. Damit wurde Reproduktionsarbeit von einer allgemeinen gesellschaftlichen und kulturellen Arbeit/Betätigung auf die Tätigkeiten verkürzt, die der Erhaltung der „produktiven“ Arbeitskraft dienen. Mit der Trennung zwischen produktiver und reproduktiver Arbeit ging die Aufspaltung in einen gesellschaftlichen und einen privaten Sektor einher. Die Reproduktion wurde ins Private verdrängt, in ihrer Bedeutung entmachtet und von den Männern allein den Frauen aufgebürdet.
Diese hierarchische geschlechtliche Arbeitsteilung wird im Sozialismus nicht aufgehoben. Die Organisierung und Verfügung über die Produktion liegt lediglich in den Händen des Staates, der den Frauen nach wie vor (u.U. staatlich abgefedert) die Aufgaben der gesellschaftlichen Reproduktion aufzwingt, noch zusätzlich zum Zwang, ihre Arbeitskraft zu verkaufen.
Die Reproduktionsfrage wird so zum Dreh- und Angelpunkt für den Kampf gegen das Patriarchat – unabhängig von den jeweiligen gesellschaftlichen Systemen, in denen sich die sogenannte produktive Arbeit und Ausbeutung organisiert. In vielen Ländern der Drei Kontinente – vor allem in Afrika – ist der antikoloniale Befreiungsprozeß mit staatssozialistischen Zwangsmaßnahmen einhergegangen (Zwangskollektivierung, Industrialisierung der Landwirtschaft, Zerstörung der Subsistenzbedingungen und -strukturen und Vertreibung in die Städte durch Monokulturanbau, Staudämme und andere technologische „Fortschritte“, Maschinen in Männerhand). Mit der Zerstörung traditioneller Lebens- und Wirtschaftsweisen wurden die Frauen mit neuen patriarchalen Gewaltverhältnissen konfrontiert.
Die Übernahme dieses Entwicklungsmodells durch Befreiungsbewegungen hat wohl zwei Begründungen: erstens die Verhaftung der ‚revolutionären Eliten‘ in eben das gleiche vom Westen übernommene Fortschrittsdenken; zweitens haben sich viele mlorientierte Befreiungsorganisationen und anschließende Staatsmänner zur Übernahme des staatssozialistischen Entwicklungsmodells mit Anbindung an den Ostblock entschieden, weil sie sich von der SU Schutz gegenüber dem Imperialismus versprachen.
Heute hat sich bezüglich der Ziele und Hoffnungen von Befreiungsbewegungen einiges grundsätzlich verändert. Vor allem ist das Vereinende in der Bündelung antiimperialistischer nationaler Kämpfe gegen den gemeinsamen äußeren Feind verschwunden. Es hat sich herausgestellt hat, daß „der Imperialismus“ nicht durch „nationale Unabhängigkeit“ zu vertreiben ist. Statt der erstrebten Unabhängigkeit sind diese Staaten heute abhängiger denn je, ihre Führungen kämpfen um kapitalistische Investitionen und um „gerechte“ Aufnahme in den neokolonialen Finanz- und Weltmarkt. Sicherlich spielt die imperialistische Einkreisung über Kriege, Counterguerilla und ökonomische Zwänge eine große Rolle dabei. Doch über die Ähnlichkeiten patriarchaler Macht- und Ausbeutungskonkurrenz (zwischen neuen „revolutionären“ Machteliten und alten West- Ost- Konkurrenten), welche sich mit den Anbindungen an die Ost- West- Blöcke verfestigten, konnte sich die imperialistische Übermacht womöglich erst entfalten und Einfluß nehmen.
Diese Fortsetzung und Erneuerung patriarchaler Macht-, Ausbeutungs- und Gewaltverhältnisse in „antiimperialistischen“ Staaten oder durch Gruppen, die diese Formen staatlicher Macht anstreben, war und ist für uns Grund genug, Beziehungen zu solchen Regierungen oder Gruppierungen oder deren Unterstützung grundsätzlich abzulehnen. Die klare Abgrenzung von institutionellen Machtebenen ist Ausgangspunkt unserer Solidarität mit den vom Imperialismus und Rassismus unterdrückten Menschen. Wir haben inzwischen aus unseren Erfahrungen und Überlegungen vorerst den Schluß gezogen, internationale Kontakte auf eigene Frauenfüße zu stellen, d.h. neue Wege und eigenständige Kontakte zu Frauen in unterschiedlichen Organisierungen aufzubauen, wobei wir bewaffneten Kampf nicht als Primat sehen, sondern als möglichen und notwendigen Teil zur Unterstützung und zur Verteidigung gegengesellschaftlicher und frauenstärkender Strukturen. [20]
Weltweite Frauenkämpfe – unsere Blicke haben sich verändert
Unser primäres Interesse gilt den Frauen, ihren Kämpfen, ihren Positionen, auch innerhalb der Befreiungsbewegungen. Zudem hat sich unser Blick auf Frauenkämpfe erweitert, die nicht im Zusammenhang mit bewaffnet kämpfenden Gruppen stehen. Unsere Sichtweisen haben sich v.a. durch Auseinandersetzungen über Rassismen und Machthierachien zwischen Schwarzen und weißen Frauen verändert, die Schwarze Frauen in die weiße FrauenLesbenbewegung eingebracht haben. Wie sehr sind wir selbst noch in unseren Utopien und Freiheitsidealen von der ‚eigenen‘ christlich- kolonialen Geschichte einholbar – z.B. in der Orientierung an Individualismus, Leistung und Effektivität auch in unserer Politik, in unserem Bild von der befreiten Frau, in unserem Glauben, schon weiter ‚entwickelt‘ und freier zu sein als Frauen anderswo? Vorstellungen über ein herrschaftsfreies Leben können sich uns nur auftun, wenn wir die Vorstellungen anderer wahrnehmen, sie mitdenken, uns auf sie beziehen, sie unterstützen, von ihnen lernen – unsere „Gewißheiten“ infragestellen (lassen).
Es ist inzwischen klar sichtbar geworden, daß Frauen in den Drei Kontinenten gegen den Verlust ihrer Existenzbasis sowie der Grundlagen ihrer lebenserhaltenden. regenerativen Produktivität einen Kampf entfacht haben, der sehr vielfältig ist und sich oft gegen das patriarchal- technologische Prinzip richtet. Denn dieses trachtet danach, alles Lebendige, welches im Austausch mit den schöpferischen Kräften der Natur sich und die Natur zugleich verändernd und bewahrend reproduziert (Vandana Shiva nennt dies das „weibliche Prinzip“), in eine aussaugbare „Ressource“ zu verwandeln und aus den zerstörten Zusammenhängen nur noch tote Hüllen übrigzulassen.
Das „weibliche Prinzip“ versteht Vandana Shiva aus Indien nicht als eine den Frauen biologisch- anhaftende Zuschreibung weiblicher Naturnähe, sondern als Aufhebung des geschlechtsspezifischen patriarchalen Dualismus von weiblich = friedfertig und passiv- reproduzierend, männlich = gewalttätig und aktiv- produzierend, der in der schöpferischen Kraft der Kämpfe der Frauen um die Wiedergewinnung von gesellschaftlicher Existenz transzendiert wird. [21]
Imperalistische Herrschaft (Weltmarkt, GATT, IWF, Kriege zwischen patriarchalen Mächten als Kampf um die Verfügungs- und Ausbeutungsgewalt) bedeutet in vielen trikontinentalen Ländern, daß Menschen verhungern, ermordet, vertrieben und zur Migration gezwungen werden, und daß der Überlebenskampf aus dem Elend (Kinderbanden, Landbesetzungen, Schmuggel u .a. „informelle“ Quellen der Einkommensbeschaffung…) mit komplexen Formen von Repression und Gewalt konfrontiert wird, weil er eine Bedrohung der herrschenden Machtstrukturen ist. Diesen Verhältnissen haben sich weltweit immer mehr Frauen mit wachsenden Kämpfen und Organisierungen entgegengestellt. Ihr Kampf bezieht sich auf einen Jahrhunderte langen Widerstand und knüpft an Wissen über die vorkoloniale Zeit, an Lebensformen, in denen Frauen gesellschaftlichen Einfluß und Bedeutung besaßen, an.
„Weibliches Prinzip“ gegen patriarchale Verwertung – Frauenkampf gegen industrielle Großprojekte in Indien
In Indien richtet sich Frauenwiderstand auch gegen industrielle Großprojekte wie Riesen- Staudämme und Waldabholzungen für den Bedarf der Reichen der Welt. Sie bedeuten, daß Hunderttausende Menschen zwangsumgesiedelt werden sollen, die Landschaften und Wälder überflutet werden, um z.B. Riesen- AgroBetriebe für Cash- Crop- Produkte durchzusetzen.
Bei der bereits trotz breiter langandauernder Kämpfe mit internationaler Unterstützung (weswegen sogar die Weltbank ihre Kredite zurückziehen mußte) – begonnenen Flutung von Staubecken im Narmada- Staudamm- Gebiet drohen die Frauen, sich eher mitsamt ihren Familien und ihren Dörfern überfluten als zwangsumsiedeln zu lassen. Auch wenn die Leute immer wieder gewaltsam aus ihren Hütten geholt werden, steht schon jetzt fest, daß sich diese Großprojekte nicht ohne weiteres gegen den Widerstand durchsetzen lassen.
Schon Anfang der 70er Jahre hatte sich die indische Umwelt- Bewegung der Frauen konsolidiert, die Frauen kämpften für das Recht auf Nutzung der einheimischen Walderträge und gegen die Ausbeutung und Abholzung der Wälder. Die Bewegung entwickelte sich selbständig und dezentral und wurde von den Bäuerinnen geleitet. „Jedes Kind in Indien weiß, daß jeder Hungernde ein Recht auf Brot hat und nicht nur der, der Geld in der Tasche hat. Diese Rechtsauffassung ist in jeder Familie gültig, nur auf gesellschaftlicher Ebene ist sie verlorengegangen. Hier gilt die Moral des Marktes, die Menschen gehen ihr in die Falle.“ (Sarala Behn, „Tochter des Himalaya“ und „Mutter“ der sozialen Bewegung in der Himalaya- Region, 1975).
In der Chipko- Bewegung setzten die Frauen nach langen harten Kämpfen die Rückgewinnung von Gemeindeland durch, auf dem sie Bäume rekultivieren, die nicht für den Export, sondern z.B. für die Tierfütterung sich eignen. Ihr Ziel ist die Wiederherstellung der Vielfalt des „weiblichen Prinzips“, gegen das Kosten- Nutzen- Prinzip patriarchaler Verwertungsinteressen, das alles auslöschen will, was ihm entgegensteht. Der Kampf der Chipko ist ein Kampf für die Rechte und Ansprüche aller Menschen auf Nahrung und Existenz, auf Rückgewinnung der Bedingungen dafür, und für politische Wege, die das Grundrecht auf Überleben achten anstatt zerstören.
Frauenkämpfe in den Armenvierteln der trikontinenalen Megastädte, Selbsthilfeprojekte
In den Slums von Bombay haben sich ehemalige Prostituierte und jetzige „Gehsteig- Bewohnerinnen“ zur „Mahila Milan“ („Frauen, die zusammenkommen“) zusammengeschlossen. Die Herrschenden konnten nicht mehr wie bisher üblich in Nacht- und Nebelaktionen mit Bulldozern ihre Hütten dem Erdboden gleichmachen, weil „bei Räumungsdrohung genug Leute aus allen anderen Slums zusammenkommen, um dies zu verhindern“, sagt Shenaz, eine der Gründerinnen von Mahila Milan. Sie verloren die Angst vor der Macht der Behörden und setzten ihr Bleiberecht und Wohnungsbaukooperativen durch.
In vielen Ländern Asiens, Afrikas und Lateinamerikas sind es v.a. die Frauen, die sich organisiert haben, um ihr Existenzrecht und neue Lebensbedingungen in den städtischen Armutsvierteln gegen Polizeiterror, Morde, Räumungen und Vertreibungen zu verteidigen.
Auch in den Armenvierteln der Megastädte Lateinamerikas organisieren sich in ständig wachsender Zahl Frauengruppen. Allein in Lima gibt es über 2000 Volksküchen, in denen ca. 100.000 Frauen organisiert sind. Sie gründeten Mütterklubs und Milchkomitees, um für alle Kinder die tägliche Versorgung mit Milch durchzusetzen. Sie lehnten – sie in Abhängigkeiten zwingende – Nahrungsmittelhilfe aus den USA ab. Sie kochen gemeinsam, durchbrechen die Isolation von Frauen in den Familien, stärken ihre Kollektivität in politischen Initiativen, kämpfen gegen Bürokraten- und Polizeigewalt mit Forderungen nach Strom, Wasser und Kanalisation und gegen Räumungen, organisieren Bildungs-, Ausbildungs- und alternative Gesundheitszentren.
Frauenkämpfe für Menschenrechte, gegen die Ermordung von „Unproduktiven“, AußenseiterInnen und Oppositionellen
In den favelas von Rio de Janeiro schließen sich Mütter von ermordeten und „verschwundenen“ Kindern und Jugendlichen zusammen, um die Zusammenarbeit und Bestechlichkeit von Polizei, Militär und Killerbanden öffentlich zu machen und ihre Bestrafung zu fordern. In Kolumbien arbeiten Frauengruppen wie die Organizacion femenina popular angesichts von Tod und Zerstörung, die von Kampagnen der Geschäftsleute ausgehen, welche auf Plakaten für Lynchjustiz („Tod den Straßenkindern, Prostituierten und Dieben“) werben und den „Kampf bis zur Ausrottung“ angesagt haben, gegen die Hoffnungslosigkeit. Prostituierte sowie Straßenkinder und Jugendbanden schließen sich zusammen und fordern „Recht auf Leben und Arbeit für alle“. Auch hier machen Frauengruppen in Projekten zur kollektiven Selbstversorgung die Erfahrung, „miteinander in Würde zu leben, wie es vorher nicht möglich war“ (eine Frau der Organizaci6n femenina popular).
In Buenos Aires demonstrieren seit 16 Jahren jeden Donnerstag die „Mütter der Plaza de Mayo“, weil die Verbrechen an den „Verschwundenen“ nicht geahndet und die verantwortlichen Militärs schließlich amnestiert wurden. Die Frauen benennen öffentlich die Täter und die gesellschaftlichen Positionen, in denen sie heute sitzen. In ihrer Zeitung nehmen sie zu allen gesellschaftlichen, sozialen und ökonomischen Unterdrückungen Stellung und verbreiten Informationen zu internationalen Entwicklungen. Die Demonstrationen sind mittlerweile zu einem „Ort all derer geworden, die ein Problem haben“ (Hebe de Bonafini von den „Müttern“).
Kämpfe der Indigena- und Afro- Lateinamerikanischen Frauen „für das Leben, für das Land und für den Respekt gegenüber unserer Kultur und Identität“ (Rosalina Tuyuc, Indigena, Vertreterin der guatemaltekischen Frauen- und Witwenorganisation CONAVIGUA)
In Ecuador kämpfen Indigena- Bäuerinnen für ihre Landrechte, die ihnen von Agro- Multis genommen werden, welche „Sicherheitsgesellschaften“ anheuern, die mit Terror, Vergewaltigungen und Mord die BewohnerInnen zum Aufgeben bringen sollen.
In Guatemala haben sich von 60.000 Witwen, deren Männer entführt und ermordet wurden, 11.000 Indigenas in der Frauen- und Witwenorganisation „Conavigua“ zusammengetan und verlangen Prozesse gegen die Verantwortlichen der Massaker. Sie entwickeln Methoden der Natur- und Kräuter- Medizin, initiieren Alphabetisierungsprojekte und Ausbildungswerkstätten und fordern kostenlose Schulsachen für die Kinder. Gegen die offiziellen 500- Jahr- Feiern der Kolonisatoren machten sie ihren S00jährigen Widerstand öffentlich.
In Brasilien organisieren sich Schwarze Frauen zunehmend gegen die grundlegend rassistische Strukturierung der Gesellschaft und der sozialen Konflikte.
Arbeiterinnenkämpfe – Landarbeiterinnen und Industriearbeiterinnen unterstützen sich
In Südkorea haben sich Landarbeiterinnen z.B. in der Korea Women Farmers Association – autonome Landfrauenbewegung, die in mehr als 1/3 der ländlichen Regionen verankert ist – organisiert, um der fortgesetzten Ruinierung ihrer Subsistenzgrundlagen und der geplanten Streichung von 2/3 aller Agrar- Arbeitsplätze (4 Millionen Arbeitsplätze, vorwiegend der Frauen!) entgegenzutreten. Zusammen mit Industriearbeiterinnen in den Städten kämpfen sie um ihre Existenzsicherung. Viele Frauen mußten bereits in die Städte migrieren, um ihre zurückbleibenden Familien durch Lohnarbeit zu unterstützen. Seit Mitte der 80er Jahre kämpften sie mit großer Solidarität für unabhängige Gewerkschaften (s. das Kapitel zu Adler).
Bei dem Erdbeben Mitte der 80er Jahre in Mexico- City sind viele Näherinnen umgekommen, weil sie an ihren Arbeitsplätzen eingeschlossen waren und nicht aus den einstürzenden brennenden Häusern fliehen konnten. Seitdem haben die Näherinnen eine unabhängige Frauengewerkschaft durchgesetzt.
Textilarbeiterinnen in Bangladesh haben sich organisiert, Anlaß war u.a. auch, daß Frauen in Klitschen eingesperrt waren und bei einem Brand umkamen. Mit großen Streiks haben sie in den letzten Jahren Teile ihre Forderungen durchsetzen können.
Als Dienstmädchen und Hausangestellte zu arbeiten, ist für Frauen sehr verbreitet. In Südafrika kämpfen Frauen in ihren eigenen Hausangestelltengewerkschaften für die Veränderung ihrer Arbeitsbedingungen.
Verstärkter Kampf um Autonomie der Frauen, gegen Männergewalt
In den letzten Jahren sind Hunderte von Frauenorganisationen neu entstanden und stärker geworden. Sie tragen die Probleme von häuslicher bis zu institutioneller Gewalt gegen Frauen in die Öffentlichkeit und entwickeln Gegenstrukturen.
Die palästinensische Frauenorganisation Al Fanar macht die Ermordung von vergewaltigten Frauen durch die Familie („Rettung der Familienehre“) z..B., mit Demonstrationen öffentlich.
Autonome Feministinnen in Bombay kämpfen schon seit Jahren gegen die Abtreibung weiblicher Föten, Mitgiftmorde oder gegen Gewalt in der Ehe.
Die Frauendachorganisation GABRIELA auf den Philippinen weitet ihre bisherigen Aktivitäten gegen Männergewalt verstärkt auf den Schutz von Prostituierten vor sexueller Gewalt aus. Sie fordert die Ent- Kriminalisierung der Prostitutierten und die Bestrafung von sexueller Gewalt als Gewaltverbrechen.
Mittlerweile ist der 25. November international ein Frauenaktionstag gegen ‚Gewalt gegen Frauen‘. Hintergrund davon ist der Todestag von Frauen in der Dominikanischen Republik, die von Paramilitärs ermordet wurden.
In Nordindien haben sich Frauen auf dem Land zusammengetan, um gegen den Alkoholismus der Männer vorzugehen. Sie zerstören Alkoholdepots und prangern in Dorfversammlungen gewalttätige (Ehe-)Männer an. Vereinnahmungsversuchen durch Parteien widersetzen sich die Frauen in dieser Bewegung konsequent.
In Nicaragua haben sich in der zugespitzten sozialen Situation viele Frauen aus den männerbestimmten Politikebenen von sandinistischer Gewerkschafts- und Parteiarbeit zurückgezogen. Nach einer Umfrage halten viele diese für „überflüssig“, weil ihre wichtigen Fragen keine Beachtung finden: besonders hohe Frauenarbeitslosigkeit, fast 3/4 aller Haushalte werden von Frauen geführt, Gesundheit und Bildung ist für viele zu teuer geworden, Kinder und Frauen leben oft von Straßenjobs, Gewalt und Sexismen haben überall zugenommen. Heute ist die Frauenbewegung in Nicaragua sehr vielfältig. Auch der FSLN nahestehende Frauen haben eigene Positionen oft in Widerspruch zur Parteilinie entwickelt. Und es mangelt nicht an Erfahrungen, wie Frauen sich zur Wehr setzen.
Magaly Quintana vom Colectivo de Mujeres de Matagalpa beschreibt die aktuelle Situation in Nicaragua: „Wir leben in einer Zeit der Hoffnungslosigkeit, in einer Zeit neoliberaler Politik, wo die anderen sozialen Bewegungen und der Sandinismus nicht die geringste strategische Perspektive zu bieten haben. Im Gegenteil, sie beschäftigen sich mit Fragen der Mitregierung, während sich in der Basis große Frustration breitmacht. Deshalb ist es als Erfolg zu bezeichnen, daß sich so viele Frauen von unserem feministischen Programm ansprechen lassen.“
Frauen greifen (wieder) zu den Waffen
Die „Noras“ Frente Nora Astorga [22] – sind nach dem Krieg demobilisierte Frauen der sandinistischen Armee, deren Forderungen nach Land und Abfindungen in den Auseinandersetzung zwischen verschiedenen militanten Gruppen [23] und der Regierung auf der Strecke geblieben sind.
Ende ’91 beschlossen daher 40 Frauen, sich wieder zu bewaffnen und einige Wochen in den Bergen zu trainieren. Im April 1992 legten sie mit einer l0tägigen bewaffneten Straßenbesetzung in Ocotal den gesamten Nord- Süd- Verkehr lahm, besetzten Gemeindeland, Ämter und Polizeistation und drohten, sich in die Luft zu sprengen. Eine große Solidaritätswelle der Bewohnerinnen von Ocotal verhalf zum Erfolg: Mittlerweile ist ein neues Stadtviertel für sie entstanden und noch weiter im Aufbau gebaut von den inzwischen über 400 „Noras“, zusammen mit vielen weiteren Frauen. Sie waren Angestellte, Hausangstellte, Landarbeiterinnen, manche haben schon Somoza bekämpft, manche waren bei der Contra, die meisten sind alleinstehend, und alle haben Kinder zu versorgen. Und sie müssen weiterkämpfen, weil die Regierung ihren Abfindungsforderungen noch immer nicht nachgekommen ist. Amparo Rubio von den „Noras“: „Unser bewußtes Frau- Sein hilft uns dabei, immer stärker zu werden. Das ist unser Leitspruch: somos re-mujeres.“ [24]
Frauen wehren sich gegen Be- und Entvölkerungspolitik
In vielen Teilen der Welt wehren sich Frauen einzeln und kollektiv gegen entvölkerungspolitische Programme, gegen Zwangssterilisationen und illegal gehaltene Abtreibungen, an denen unzählige Frauen sterben.
Von Frauenkampagnen gegen das hormonelle Langzeitverhütungsmittel Norplant wissen wir z.B. aus Brasilien, wo Versuche an Frauen gestoppt werden konnten, aus Indien, Bangladesh, Namibia …
Gegen die Einführung immunologischer Verhütungsmethoden schließen sich Frauen international zusammen.
In Indonesien wehren sich die z.B. Ost- Timoreslnnen und Papuaneslnnen gegen eine staatliche und von internationalen Organisationen getragene Vernichtungspolitik (UNO, Weltbank, etc.), in der Umsiedlungsprogramme, der Entzug von Lebensgrundlagen und Unfruchtbarmachung von Frauen Hand in Hand gehen.
In Slowenien und Kroation haben Frauen Gesetzesvorhaben zu reaktionär- nationalistischen Familien- und bevölkerungspolitischen Programmen mit internationaler Unterstützung stoppen können.
Überall entstehen immer mehr Frauenselbsthilfeprojekte, um die Interessen der Frauen durchzusetzen.
Frauen gegen rassistische Unterdrückung und Besatzungsherrschaft
In Palästina, Kurdistan und Südafrika organisieren Frauen starke Widerstandsstrukturen, in denen sie – als Teil bedrohter Gesellschaften im Spannungsverhältnis zwischen patriarchaler Tradition und Entfaltung eigener Verantwortlichkeiten und neuer weiblicher Rollen in den Befreiungskämpfen – revolutionäre und solidarische Frauenidentitäten herausgebildet haben. In Palästina zwingt der patriarchale Angriff auf Frauenbefreiungsstrukturen durch Islamisten und Linke einerseits und die rassistische Unterdrückung durch Israel andererseits die Frauen dazu, nun an noch mehr Fronten gleichzeitig kämpfen zu müssen. Auch in dieser schweren Lage entwickeln Frauen eigene (Minderheiten-)Positionen weiter, z.B. gegen den Nationalismus der PLO und für Austausch auch mit oppositionellen Frauen in Israel.
Im jahrhundertelangen Kampf der Kurdlnnen gegen ihre Unterdrückung und Vernichtung durch die verschiedenen Regime haben die kurdischen Frauen einen großen Widerstandswillen entwickelt, mit dem sie immer neue Strukturen für die Wiederherstellung und Verteidigung gesellschaftlicher Subsistenz aufbauen. In den autonomen Gebieten Südkurdistans (Irak) wehren sich Frauen gegen die Repression auch der neuen kurdischen Regierung gegenüber „ehrverletzenden“ Frauen, kämpfen gegen die Verfügungsgewalt des Mannes über die Frau, für die ökonomische Unabhängigkeit der Frauen und die „Vergesellschaftung“ der weiblichen Familienarbeit – diese Forderungen werden z.B. auch von der zum 8März ’93 gegründeten „Unabhängigen Frauenunion“ vertreten. In Nordkurdistan (Türkei) kämpfen die Frauen auf allen Ebenen in ihrem breiten Aufstand gegen den türkischen Vernichtungskrieg auch für die Veränderung ihrer gesellschaftlichen Frauenrolle und gegen die patriarchalen Machtstrukturen.
In Südafrika sind die Frauen mit ihrem langen antirassistischen Widerstand zu einer unübersehbaren und die sozialen Kämpfe und Umwälzungen tragenden gesellschaftlichen Kraft geworden. „Mit dem Rassismus muß auch der Sexismus gehen“, ist die Parole vieler Schwarzer Frauen in der jetzigen Phase der politischen Integration schwarzer Macht – auf dem Hintergrund sich verschärfender sozialer Konflikte und Männermachtkämpfe unter den Schwarzen.
Frauenkämpfe gegen Zwangsethnisierung und Krieg
Der Krieg in Ex- Jugoslawien ist ein Krieg von sich reorganisierenden Männermacht- Bünden im Verbund mit imperialistischer Politik zur Zerstörung der von Frauen getragenen sozialen Reproduktionsstrukturen und Frauenkämpfen gegen die rassistische Zwangsethnisierung und Kriegspolitik. Trotz Verleumdung und Verfolgung versuchen sie (z.B. die Frauen in Schwarz in Belgrad, Feministinnen in Kroatien), sich mit antinationalistischen Frauen über die neuen Nationalstaatsgrenzen hinweg zusammenzuschließen und sich gegenseitig zu unterstützen. Sie organisieren sich gegen Vergewaltigung und schaffen Zufluchtshäuser. „Die Zahl der Vergewaltigungen an allen Fronten in Bosnien und Kroatien ist gewaltig, aber auch die in allen Städten der zurückkehrenden Krieger in Ex- Jugoslawien. Die ‚Notrufe für Frauen und Kinder‘ in Zagreb und Belgrad stellen fest, daß die Zahl der registrierten Vergewaltigungsfälle seit Kriegsbeginn um hundert Prozent gestiegen ist. Und in hundert Prozent mehr Fällen als zuvor wurden Todesdrohungen ausgestoßen, trugen die Täter Waffen. Die Täter sind meistens Kriegsveteranen, Nachbarn, die mit ihrer Kalaschnikow griffbereit zu Bett gehen. Sobald sich die ewigen Soldaten nicht mehr unter Feinden befinden, machen sie ihre eigene Frau zum Objekt von Vergewaltigung und Verstümmelung. Und dies unabhängig von der Nationalität der Frau, ihres Alters oder des Grades ihrer Begierde.“ (L. Mladgenovic, Belgrad, in: Sherezade Nr. 4)
In Belgrad fanden riesige Demos gegen den Staat, gegen den Krieg und für soziale Forderungen statt. Um die Kriegsgebiete herum haben hauptsächlich Frauen Strukturen für Deserteure und Versorgung von Flüchtlingen geschaffen.
Frauen organisieren und vernetzen sich
Auch überregional nimmt die Frauenorganisierung zu. Zum Beispiel gibt es seit 1981 kontinentale und länderspezifische Frauentreffen und feministische Kongresse von Frauen aus Lateinamerika und der Karibik. Seit Mitte der 80er Jahre finden kontinentale Lesbentreffen (Lateinamerka, Karibik) unter äußerst repressiven Bedingungen statt, seit 1992 feministische Treffen zentralamerikanischer und karibischer Frauen, deren spezifische Gemeinsamkeit im Dasein als „Hinterhof‘ der USA und Erfahrungen von Krieg, Gewalt und Widerstand liegt.
Die Diskussionen umfassen thematisch zum Beispiel das Verhältnis zwischen Rassismen, Klassismen und Sexismen, Ablehnung von Hierarchien darin, lesbische Existenz, Gewalt gegen Frauen, Repression, Armut, Autonomie, Völkermord, Frauenbewegung, Rolle der Frau in der Kirche, in den Medien, ökologie … und Gegenstrategien. Frauen machen eigene Radioprogramme, tauschen sie aus und stellen ihre Positionen und Aktivitäten in Frauenzeitungen dar. Feminismus wird als gesellschaftsverändernde Kraft verstanden und von Frauen verschiedenster sozialer Schichten umgesetzt. Von den Frauen können wir z.B. lernen, wie ihre Bemühungen um Toleranz und „Einigkeit in der Unterschiedlichkeit“ eine ganz neue Stärke entstehen lassen.
Beispiel haben wir die vielen, in allen Drei Kontinenten maßgeblich von Frauen organisierten Landbesetzungen hier nicht erwähnt, oder die Frauenkämpfe sogenannter Minderheiten und UreinwohnerInnen gegen rassistische Verfolgung und Vernichtung (der Indigenas, Aborigines, in Osttimor etc…), oder die Kämpfe der Frauen Osteuropas. Aus vielen Ländern fehlen uns aber auch Informationen. Die Frauenkampfe in Afrika sind noch immer ein weitgehend blinder Fleck.
Wir fangen an, die Geschichte aus der Sicht der Kämpfe gegen die Herausbildung des sog. gesellschaftlichen Fortschritts, d.h. gegen die „Höherentwicklung“ der sog. Produktivkräfte und Verfestigung patriarchaler Macht zu begreifen. Die daraus im weißen Feminismus erarbeiteten Kriterien für eine Analyse unserer Gesellschaft aus dem Blickwinkel weiblicher Widerstandsgeschichte und -strategien sind allerdings noch sehr ungenau. Die Orientierung auf „soziale Kämpfe von FrauenLesben“ oder „Kämpfe von unten“ reicht nicht aus, um Vorstellungen zu formulieren, wie aus den Kämpfen eine wirksame Frauen- GegenKraft werden kann. Die „Übersetzung“ gesellschaftlicher Widersprüche in feministische Befreiungsstrategien und Gesellschaftsvisionen wird nicht allein eine theoretische, sondern auch eine praktische Anstrengung sein.
In diesem Prozeß haben wir die Aufgabe, nach einer umfassenden Vorstellung von Befreiung für uns zu suchen, von der ausgehend strategische Wege und Ziele entworfen werden können. Ohne das werden unsere Kämpfe immer nur Ausdruck momentaner Gegnerinnenschaft zu den herrschenden Verhältnissen sein. Wir liefen Gefahr, uns in aktuellen Tageskämpfen aufzureitben und unseren Mut zu verlieren, könnten in repressiven und schwachen Phasen den resignativen Tendenzen keine neuen Schritte und Impulse entgegensetzen und aktuelle Niederlagen nicht relativieren. Ohne Befreiungsvisionen werden wir nicht zu langfristiger Organisierung und Kollektivität finden.
Unsere Vorstellung von Befreiung ist untrennbar verbunden mit den Kämpfen gegen die neokoloniale Zerstörung und Ausplünderung der Erde.
Wir haben eine klare Verantwortung für die Gewalt und Ausbeutungsstrukturen, die von hier ausgehen. Wir können uns nicht heraushalten z.B. mit der Begründung. so manche Ziele von Befreiungsbewegungs- Führungen abzulehnen, während die vom Imperialismus gemanagten Kriege gegen die Bevölkerungen in den Drei Kontinenten uns in der Metropole die relative Ruhe und Sicherheit bescheren, die uns nicht zum Eingreifen zwingt – im Gegenteil kann praktische Solidarität hier diese Sicherheit aufs Spiel setzen!
Darüber hinaus haben wir ein eigenes Bedürfnis und Interesse, zur Ausbreitung von grundsätzlichem Widerstand hier beizutragen. Solange wir uns nicht aktiv und unterstützend zu den Kämpfen der Frauen aus den drei Kontinenten verhalten, sind wir Mittäterinnen an diesem rassistischen System, was unserer Befreiung auch hier im Wege steht.
Diskussion um Antisemitismus
In der feministischen Debatte hat die Auseinandersetzung zu Antisemitismus über die v.a. von US- amerikanischen und englischen Jüdinnen schon seit längerem eingebrachten Positionen Eingang gefunden. Es gab hier in der sog. Unterschiedsdiskussion und dem Bemühen, Rassismus zu begreifen, den Versuch, Antisemitismus mitzudenken und einzubeziehen. Doch stellen wir heute fest, daß Antisemitismus in der feministischen Bewegung immer noch kein selbstverständliches Thema ist, es taucht fast ausschließlich als Schlagwort auf oder manifestiert sich in der Konfrontation mit jüdischen Frauen. Hier sind die Erfahrungen einer feministischen Gruppe jüdischer und nichtjüdischer FrauenLesben bekannt, die durch ihre öffentliche Präsenz mit antisemitischen Haltungen von weißen deutschen FrauenLesben konfrontiert wurden. Scham- und Schuldgefühle, Sprachlosigkeit begegneten ihnen oder die provokative Frage nach ihrer Position zum Staate Israel und seiner Politik gegenüber den PalästinenserInnen, egal über welches Thema sie referieren oder diskutieren wollten.
In feministischen Kreisen wird die Frage nach den Ursachen des
Holocaust und dem Zusammenhang zwischen Holocaust und Antisemitismus entweder erst gar nicht gestellt oder oberflächlich diskutiert. Schuldgefühle und Verdrängung sind bis heute wirksam. Wenn wir als ‚Deutsche‘ angesprochen werden, gehen wir gleich auf Distanz. Die Gleichsetzung mit ‚den Deutschen an sich‘ – die den Holocaust erdacht, ausgeführt und getragen haben und bis heute keine politische Verantwortung für die Geschichte übernehmen – führte bei vielen Feministinnen und engagierten Frauen zu Abwehrreaktionen gegenüber jeglichem Vorwurf der Ignoranz, dem Verschwinden dieser deutschen Geschichte in der eigenen Politik, gegenüber der Forderung, eine Identität als Deutsche zu formulieren. Feministinnen grenzten sich in ihrer Identität oft primär von der durch und durch patriarchalen NS- Geschichte ab und wurden über Konfrontationen jüdischer FrauenLesben an der eigenen unbearbeiteten Geschichte mit all ihren Kontinuitäten gepackt. Auch hier zeigt sich, daß die Prioritätensetzung des Sexismus als grundlegendstem Antagonismus, als Wurzel aller Gewalt, Unterdrückung, Ausbeutung uns in eine Falle hat tappen lassen, die letztlich unserer materiellen und sozialen Situation entspricht, d.h. diese Sichtweise ist Ausdruck, Teil der weißen deutschen Gesellschaft zu sein und sich ausschließlich als Opfer sexistischer Gewalt zu begreifen.
Jüdinnen und Juden berichten von antisemitischen Äußerungen und Beschimpfungen seit Bestehen dieser Republik, die viele zwang, das Land zu verlassen als Überlebende des Holocaust, die entschieden hatten, hier zu leben.
Bei genauerem Hinsehen und Hinhören gibt es antisemitische Haltungen auch in unseren Kreisen, antisemitische Bilder sind uns in die Köpfe sozialisiert, unreflektiert reproduzieren wir sie. Die sog. Entnazifizierung hat nicht stattgefunden, ebensowenig eine gesellschaftliche Auseinandersetzung über die Ursachen und Wirkungsweisen der nationalsozialistischen Herrschaft und des Holocaust. Die Zeit der Scham ist heute vorbei – Antisemitismus ist wieder salonfähig geworden.
Antisemitismus umfaßt ein kompliziertes materielles und ideologisches Muster, das nicht gleichzusetzen ist mit dem Holocaust, auch nicht eine ausreichende Erklärung dessen darstellt und nicht identisch sein muß mit Judenhaß.
Die Auseinandersetzung findet in wissenschaftlichen und pseudo- wissenschaftlichen Bereichen statt, für letzteres steht das Beispiel des Historikerstreits. [25] Diese Ideologie- Produktion nährt das rassistische und antisemitische Grundverständnis der deutschen weißen Bevölkerung, welches seit 1989 in riesigen Schüben wieder gesellschaftlich aggressiv zutage tritt. Frauen stellen sich dieser Entwicklung kaum entgegen. Die Situation verdeutlicht, wie wenig jüdische Menschen in unserem Bewußtsein und unserer Politik vorkommen, wie selbstverständlich wir davon ausgehen/ ausgegegangen sind, daß seit dem Holocaust keine Jüdinnen und Juden hier im Land ihrer Henker leben. Jüdischen Menschen begegnen heißt, erinnert zu werden an Verdrängtes, an etwas, was vergessen werden soll – das Schlußstrich- Phänomen müssen wir bekämpfen für unsere eigene Zukunft. Verhindern wir das Verschwinden der eigenen Geschichte, des Holocaust. Schaffen wir den jüdischen Frauen einen Platz in unserer Bewegung.
Wir können hier nicht nachholen, was wir bisher versäumt haben. Im folgenden formulieren wir einige Gedanken, über die wir weiter diskutieren wollen. Wir stehen in unserer Auseinandersetzung erst am Anfang und produzieren keine Gewißheiten. Unser Interesse ist, unsere Geschichte, den Holocaust und den Antisemitismus zu begreifen, politische Verantwortung zu übernehmen, wachsam für Kontinuitäten zu sein und daraus praktische Konsequenzen zu ziehen:
Grundsätzlich gehen wir davon aus, als Weiße rassistisch und als nichtjüdische Deutsche antisemitisch zu sein.
– Nur dieses Grundverständnis bewahrt uns vor scheinheiligen Abwehrkämpfen, Beteuerungen, daß wir schon die besseren Frauen seien. Wir stellen uns damit außerhalb der Gesellschaft und internationaler Machtverhältnisse. Die oben genannte Grundannahme erhöht somit die Sensibilität und den Blick auf tatsächliche Unterschiede, unabhängig von subjektiven Befindlichkeiten.
– Als weiße, deutsche, christlich- abendländische Frauen, unabhängig von unserer persönlichen Geschichte und der unserer Eltern und Großeltern im NS, müssen wir politische Verantwortung übernehmen für den Holocaust, für die Vernichtung der Sinti und Roma, für die Ermordung von Behinderten, Andersdenkenden und -handelnden.
– Nur wenn wir die Gegenwart durch die Geschichte des NS hindurch ansehen, begreifen wir, was heute passiert, und sind in der Lage, eine politische Richtung einzuschlagen, die jegliche Form von Vernichtung und Unterdrückung bekämpft (auch in den eigenen Reihen).
– Die politische Praxis ist der Maßstab dafür, nicht antisemitisch und nicht rassistisch zu sein.
Es ist wichtig, zwischen Antisemitismus und Holocaust zu unterscheiden, um der Relativierung des Holocaust zu begegnen, die oft damit begründet wird auch in anderen Ländern gäbe und gab es Antisemitismus. Antisemitismus war zwar eine Voraussetzung für den Holocaust, aber daraus allein läßt sich der Holocaust nicht erklären/ verstehen.
– Der Holocaust ist kein Zivilisationsausrutscher oder -bruch, sondern hochentwickelte Moderne; „Auschwitz als Altar der Technologie“ und moderner Bürokratie; [26] in Deutschland gab und gibt es nicht nur persönliche Kontinuitäten der Nazis in Amt und Würden, sondern auch strukturelle: in den Selbstverständnissen und Funktionsweisen von Wissenschaft, Medizin, Organisierung kapitalistischer Arbeit, Bürokratie
– Das industrielle System mit seinem Ethos, seinen Normen und Werten brachte die Vorherrschaft in der Welt und den Holocaust hervor. Die Maschine, die technologische Durchdringung aller Lebensbereiche, die Verdinglichung des Sozialen, Machbarkeitswahn, Homogenisierungsfetisch des Abendlandes sind Kriterien der Moderne und konnten/können damit den Holocaust hervorbringen.
Heute geht es um die weitere Perfektionierung des sozialen Krieges, die wir nur begreifen im Bewußtsein unserer Geschichte.
– Rationalität war die zentrale Kategorie des Holocaust – erschreckend festzustellen, wie rational und bürokratisch heute die ‚Flüchtlingsfrage‘ gelöst wird.
-Im NS gab es bis zum Kriegsbeginn Kritik und Unbehagen gegenüber der antijüdischen Gewalt und Pogromen in breiten Teilen der Bevölkerung, doch zugleich befürworteten dieselben Leute die antijüdischen Gesetze, d.h. die Vernichtungsgesetze. Parallelen zu heute sind offensichtlich: die direkte rassistische Gewalt wird verurteilt, dagegen werden die Vertreibungsgesetze gegen Flüchtlinge und Migrantlnnen begrüßt.
Antisemitismus redet seit Jahrhunderten von „Übermenschen“ (Klischees wie „Weltverschwörer“, „Judenschläue“ „internationales jüdisches Kapital“ „Drahtzieher“); Rassismus konstruiert „Untermenschen“ (Klischees wie „Unzivilisierte“, „Minderwertige“, „Faule“).
– Im Verlauf der nationalsozialistischen Herrschaft und des Holocaust hat sich der Antisemitismus mit rassistischen Klischees verbunden bis hin zur Entmenschlichung („Ungeziefer“).
Der deutsche Rassismus ist tief mit antisemitischen Elementen durchzogen. Neonazistische Täter drohen ihren Opfern, mit ihnen „das zu machen, was Hitler mit den Juden machte“
Rassismus als Ideologie und Bewegung zur Legitimierung der weißen/ imperialistischen Vorherrschaft in der Welt, zur Identifizierung mit der weißen „Überlegenheit“, „Entwicklung“, „Zivilisation“, „Demokratie“, „Fortschritt“ etc.
Antisemitismus als Ideologie sind Bewegung zur nationalistischen Identifizierung weißer Unterdrückter mit ihren weißen Unterdrückern: „Juden“ dienen dem nationalistischen Klassenhaß, indem sie an die Stelle der weißen Herrschaft gesetzt werden, als Projektton zum Abarbeiten von Befreiungsbedürfnissen, die nicht umzusetzen getraut werden. Spielen antisemitische Muster auch beim Haß auf „andere“ Unterdrücker (Zionisten in Palästina, Yankees in Lateinamerika und Asien) und der unkritischen Identifikation mit Befreiungsorganisationen eine Rolle?
Rassismus und Antisemitismus machen die BRD zu einer Gemeinschaft von Verschworenen gegen Flüchtlinge, Schwarze, jüdische, behinderte … Menschen, für deren Ausgrenzung, Ausbeutung und Vernichtung nicht „wir“, sondern „andere“ verantwortlich gemacht werden: Saddam Hussein, „der Zionismus“, „die USA“ oder „die verbrecherischen Kriegstreiber in Ex- Jugoslawien“.
– Diese rassistische und aritisemitische Verfaßtheit unserer Gesellschaft ist und war ein Hindernis bei der Herausbildung von breiterem Widerstand.
Die Zunahme von antisemitischen Außerungen, Handlungen, Übergriffen seit dem ‚Mauerfall‘ ist auch dem angestrebten „Endsieg“ der Deutschen geschuldet, endlich materialisiert sich der politische Sieg knapp 50 Jahre nach der vorläufigen Niederlage.
Die Tatsache, daß viele Jüdinnen und Juden antinationalistisch gelebt und gekämpft haben und die Roma immer wieder dafür gekämpft haben (ohne nationale Bindung), in den Ländern leben/bleiben zu können, wo sie es wollen, war in der Vergangenheit, ist aktuell und zukünftig eine Herausforderung.
Wir Frauen haben uns lange Zeit auf die „Gnade der weiblichen Geburt“ zurückgezogen, die Frauen nur als Opfer des NS darstellt, ohne die Täterinnen zu benennen bzw. Frauen als politisch Verführte zu sehen und nicht als Mittragende und schweigend Einverstandene.
Gegen die fortgesetzte Kontinuität und Weiterentwicklung nazistischer Politik seitens des BRD-Regimes gab (und gibt) es von uns FrauenLesben so gut wie keinen Widerstand, an dem wir heute anknüpfen oder auf den wir uns beziehen könnten; den Widerstand der jüdischen Frauen, Männer und Kinder in den Ghettos beginnen wir erst jetzt wahrzunehmen. Aktionen gegen NS-Verantwortliche, -Wissenschaftler oder Institutionen, die in der NS-Tradition standen und auch heute stehen, hat es fast nicht gegeben. [27]
Bis auf eine Handvoll Menschen haben wir uns auch nicht dafür eingesetzt, daß Jüdinnen und Juden, sofern sie es in diesem Land wollen, hier unbehelligt leben bzw. einwandern können, auch nicht nach Bekanntwerden neuer antisemitischer Übergriffe in der Ex- Sowjetunion, die zu einer jüdischen Auswanderungswelle führten. Mithilfe der westlichen Grenzabschottungspolitik blieb den jüdischen Flüchtlingen wieder einmal keine Alternative zur Einwanderung nach Israel.[28]
Die politische Position zur Politik des Staates Israel, zur Besetzungs- und Vertreibungspolitik gegenüber den Palästinenserlnnen und der Rolle Israels im imperialistischen Lager muß den Holocaust und seine Folgen berücksichtigen. Mit Folgen meinen wir einerseits die Lebenssituation der Überlebenden und ihrer Nachfahren (es gibt keine jüdische Familie, die nicht direkt Ermordete zu beklagen hat, oder, wie J.Amery es darüber hinaus formuliert, „In Israel ist, metaphorisch gesprochen, jedermann/ frau Sohn/Tochter eines/r Vergasten“) und andererseits diesen deutschen Staat als Nachfolger des Nazi- Regimes mit allen Kontinuitäten und kollektiven Verdrängungen. Es geht vor allem darum, die Politik des Westens im Nahen Osten anzugreifen. Die fehlende Antisemitismus- Auseinandersetzung läßt uns leicht zum Spielball herrschender Interessen werden, wie zum Golfkrieg deutlich wurde.
Zusätzlich zu diesen Kontroversen und offenen Fragen gibt es u.E. eine vernachlässigte Diskussion, deren Kategorien und Kriterien jenseits der eingefahrenen allgemein linken Analyse- und Betrachtungsweisen liegen. Die in Anfängen existierende feministische Sicht auf die Verhältnisse im „Nahen Osten“ und auf die Lebensverhältnisse der palästinensischen und jüdischen Frauen, deren Realität und Identität nicht primär an Nationalismen gekoppelt sind, deren Befreiungsvorstellungen sich jenseits patriarchaler Zuschreibungen und Vorstellungen entwickeln, deren Frauenüberleben und Kampf sich nicht an der gesellschaftlich durchgesetzten männlichen Norm orientiert und gegen fundamentalistische – christliche, jüdische, muslimische – Einschränkungen, gegen linke ML- Positionen, rassistisch durchwachsene staatstragende Einstellungen und imperialistische Politik usw. kämpft, sind wenig sichtbar und kaum öffentlich (bekannt).
Umso notwendiger erscheint es uns heute, uns mit diesen Minderheitenpositionen zum Beispiel von Frauen in Schwarz (Israel) und autonomen palästinensischen Frauen der Al- Fanar auseinanderzusetzen und ihre Opposition z B gegen den von den israelischen- und PLO- Männer- Eliten ausgehandelten Friedensvertrag zu unterstützen.
Wie sehr wir uns selbst in der Reflexion der eigenen (unterschiedlichen) Geschichte in unseren unterschiedlichen politischen Positionen in der Verknüpfung mit gegenseitigen Schuldvorwürfen und der moralischen Überzeugtheit von der eigenen Sichtweise blockiert haben, zeigte sich in unseren Konflikten um die Frage des linken/ feministischen Antisemitismus in der Palästinasolidarität und des Verhältnisses von (linkem/ feministischem) Antisemitismus und Antizionismus. Besonders uneinig waren wir uns in der von einigen erhobenen Forderung, daß notwendige selbstkritische Positionen nicht ohne die genaue Auseinandersetzung mit der imperialistischen Politik im „Nahen Osten“ und der Rolle Israels darin entwikkelt werden können.
Deshalb haben wir in diesem Papier die Auseinandersetzung dazu nicht mehr unterbringen können.
Die letzten fünf Jahre
Am Anfang dieses Textes haben wir von Verunsicherungen und offenen Fragen geschrieben, die dazu geführt hatten, daß wir unsere Politik nicht einfach nahtlos fortsetzen konnten und wollten. Darum soll es im folgenden gehen.
Repression
Da sind in der Chronologie zunächst mal die Verhaftungen und die Kriminalisierung von und nach dem 18.12.87 [29] und die daraufhin einsetzende Solidaritätskampagne.
Der staatlich/polizeiliche Angriff zielte eindeutig darauf ab, Mitgliederlnnen der Roten Zora und der RZ wegen ihrer langjährigen Aktivitäten zu erwischen. Die Repressionsdrohung, die mit der Kreation vom „anschlagsrelevanten Thema“ sozusagen verbreitert wurde, war die klare Aufforderung zur Distanzierung von militanter und illegaler Politik. Sie diente speziell der Einschüchterung von Aktivistinnen aus der Anti- Gen- und Reprobewegung, die die Durchsetzung der Pläne der Herrschenden störte und die unsere Aktionen als Bestandteil des Widerstandes nicht ausgrenzte.
Einfallstor für die Bullen war unser Fehler, zu lange den gleichen Wecker als Zeitzünder zu besorgen, was ihnen die Gelegenheit bot, mit einem aufwendigen Programm Käuferinnen dieser Weckersorte zu identifizieren. Da die Bullen darüber rausgekriegt haben, daß Käuferinnen in der Anti- Gen- und Reprobewegung arbeiteten, hofften sie, über ihre Aktion am 18.12.87 u.a. bei Aktiven aus der Bewegung weitere Beweismittel zu finden, um welche von uns ausfindig zu machen.
Die Absicht der Staatsschützer, auch die Anti- Gen- und Reprobewegung zu schwächen und zu spalten, gründete sich auf die in der Bewegung vorhandene Bereitschaft, ihre Ablehnung dieser patriarchalen Herrschaftstechnologien in praktischen Widerstand umzusetzen und deshalb auch unsere Politikform als Teil einer radikalen Praxis einzubeziehen.
Auch wenn zunächst die öffentliche Reaktion in einer breiten Solidarisierungswelle mit Ulla und Ingrid und in einer wachsenden Popularität der Bewegung von FrauenLesben gegen Reproduktions- und Gentechnologien bestand, erwies sich die Spaltungsstrategie letztenendes als erfolgreich.
Die völlig richtige und an sich produktive Entscheidung, die politische Bewegung angesichts der Repression (nun erst recht) fortzusetzen, hatte ihre Grenzen in der immer geringeren Einbeziehung von praktischem Widerstand. Anstatt daß die Themen der Antirepressionskampagne die Aktionen der Roten Zora und die Fehler oder die Richtigkeit unserer Politik und die Fragen der Organisierung zentral mit eingeschlossen hätten, wurde unsere Politik ebenso totgeschwiegen, wie grundsätzlich die Fragen um Probleme und Aufgaben praktischen Frauenwiderstands aus der Diskussion ausgegrenzt blieben.[30]
Viele Veranstalterinnen der Solidaritätskampagne verstanden den Bullenbegriff „anschlagsrelevante Themen“ als Kriminalisierung der radikalen Gesinnung und öffentlich vertretenen Meinung von Systemgegnerinnen und nicht als Verfolgung ihrer potentiellen oder tatsächlichen Nähe, Unterstützung oder Beteiligung an militanten Aktionen.
Die Unschuld von Ulla und Ingrid im juristischen Sinne und die Verhinderung eines angeblichen staatlichen Angriffs auf die Gesinnung sollte größere Solidarität mobilisieren. Doch die anfängliche breite Solidaritätswelle mit Ulla und Ingrid schloß ganz klar die Symphatie mit der Roten Zora ein, bezog von daher einen großen Teil ihrer power. Die Unschuldskampagne diente dazu, sich der Recht-mäßigkeit des eigenen Handelns zu vergewissern, nicht aus taktischen Gründen, sondern als politisches Selbstverständnis. So würde die bundesdeutsche Tradition fortgeschrieben, daß „Verdächtige“ ihre Unschuld im Sinne von Gesetzestreue glaubhaft machen müssen und dies auch immer wieder tun. Die Aussagen von Ulla und Ingrid wirkten diesem Trend nicht entgegen.
Indem die Unschuldskampagne den Anschein erweckte, der radikalste Widerstand gegen die Gen- und Reprotechnologien sei ihre öffentlich bekundete grundsätzliche Ablehnung. wurde einerseits eine unsinnige Angst vor Kriminalisierung geschürt,[31] andererseits wurden mit dieser Kampagne schon im Vorfeld von Auseinandersetzungen/ Streits die Gedanken an die notwendigen praktischen Schlußfolgerungen aus vielen Köpfen verdrängt. Die Handlungstabus erzeugten Denktabus, Ohnmachtsgefühle und die endgültige Schwächung der Anti- Gen- und Reprobewegung. Die an sich richtige inhaltliche, themenbezogene Diskussion verläpperte sich allmählich zur wissenschaftlichen Debatte.
wir selbst wußten mit dieser Entwicklung in der Solikampagne nicht politisch umzugehen, schwiegen – aus Verunsicherung, Vorsicht, der Sorge, keiner in den Rücken fallen zu wollen, mit uns selbst beschäftigt und genau sehend, daß aus der Solidarität mit den Gefangenen die mit den Geflüchteten ausgegrenzt wurde (zumindest öffentlich). So konnten wir weder bei der Anfangsparole „jetzt erst recht“ praktisch mithalten noch die Auseinandersetzung über illegalen FrauenLesbenwiderstand wiederbeleben und zu einer Widerstandskultur beitragen, in der es z.B. Solidarität gibt, weil FrauenLesben vielleicht nicht im Rahmen der vom Gesetz gesteckten Grenzen gehandelt haben.
Fallende und steigende Mauern …
Noch mit uns selbst beschäftigt, welche Konsequenzen wir aus all dem ziehen (Durchsuchungen/ Verhaftungen/ öffentliche Reaktionen), setzte mit dem ‚Mauerfall‘ eine politische Klimaveränderung ein.
Die Auflösung des Ostblocks und damit auch des 2- Blöcke- Machtsystems, in dem sich die meisten internationalen Kämpfe und Konflikte bisher verorten ließen, hatte auf uns doch mehr Auswirkungen, als wir zuerst wahrhaben wollten.
Zunächst haben wir uns nur gefreut, daß sich ein patriarchales und staatsbürokratisches System von der Weltbühne verabschiedet, dem nachzutrauern es keinen Grund gab, hatten wir doch schon vorher seine Strukturen nur als andere (staatlich- zentralistische statt privatkapitalistische) Ausbeutungszwänge und Gewaltverhältnisse verstanden, welche die Menschen und v.a. die Frauen der Befreiung nicht näher gebracht hatten.
Auch der daran geknüpfte Orientierungsverfall und die Aufgabe Iinks- patriarchaler Revolutionskonzepte bestärkten vorerst nur unsere Hoffnung auf das Freiwerden der bisher vom Ost- West- Gegensatz beherrschten und blockierten Denk- und Handlungsspielräume. Aus dem Wegfegen alter HERRschaftsverhältnisse könnten sich Frauenkämpfe Platz verschaffen, die jenseits von Kapitalismus und Kommunismus neue Prozesse ins Rollen bringen. Diese Hoffnung projizierten wir auch auf die Aufbruchstimmung der Frauen in der DDR in den Jahren vor bis kurz nach dem ‚Mauerfall‘, aus der heraus sie eine Fülle von Gruppen, Projekten und den Unabhängigen Frauenverband ins Leben gerufen hatten.
Doch die dann folgenden Ereignisse nahmen wir als eine Flut von Horrormeldungen wahr. Uns fehlten die Kriterien und Informationen – d.h. wir wußten/wissen darüber zu wenig, welche Kämpfe und Prozesse sich gegen die Durchsetzung entwickelten – um etwas anderes zu sehen als die Durchsetzung brutaler Zerstörungs- und Gewaltformen durch westliche wie östliche Eliten, welche schon längst in den Startlöchern des „Umbaus“ gesessen hatten: Die oppositionellen Strömungen in der Ex-DDR verschwanden in der Öffentlichkeit hinter einem deutschnationalen Volkstaumel in Ost und West, den die Migrantlnnen als eine Flut rassistischer und faschistischer Mobilisierungen zu spüren bekamen. Die Initiativen der Menschen im Osten wurden und werden vom West-kapital so gründlich abgeschöpft, daß wir darin die Erwartung der Menschen auf eine bessere Zukunft erstickt sahen. Die Frauen, die die Aufbruchswellemaßgeblich mit losgetreten hatten, wurden am härtesten von inr heruntergeschleudert. Sie wurden aus ihren gesellschaftlichen und beruflichen Positionen gedrängt, Sexismen und die Vermarktung und Entwertung von Frauenkörpern und Frauenarbeit gewannen ganz schnell an Boden – von Männern benutzt und gefördert, von denen sich viele im privatkapitalistischen Leistungswettlauf etwas zu gewinnen versprachen.
Die Krisen im Zerfall Osteuropas mit der wachsenden Verelendung der Menschen schlugen sich in nationalistisch verbrämten Verteilungskriegen nieder, was wiederum mit ungeheurem Leid und furchtbaren Zerstörungen und dem Zwang zur Flucht für Millionen Menschen verbunden war und noch ist. Die vor den Kriegen, Zerstörungen und Verelendungen ins Neue Großdeutschland Geflüchteten werden hier mit zunehmenden Rassismen konfrontiert, die von unmenschlicher Unterbringung bis zu Pogromen reichen, und mit gesetzlichen Verschärfungen, um sie gar nicht erst hierher zu lassen bzw. sie möglichst schnell wieder abzuschieben.
Derweil sind die Mächtigen in Westeuropa mit Deutschland an der Spitze dabei, die osteuropäischen Märkte samt ihrer Arbeitskraft zu ihrem neuen „3. Welt-Hinterhof‘ umzufunktionieren und auszurauben, was zu den Fundamenten für den Aufbau der Festung Europa gehört.
Der Golfkrieg und seine Inszenierung in den westlichen Medien vertiefte unsere Ohnmachtsgefühle, hinterließ ungeheure Hilflosigkeit und Scham. [32]
Wir bekamen vorgeführt, wie mit der lange und offen vorbereiteten vollständigen Zerstörung ganzer Regionen und ihrer Menschen die Durchsetzung der imperialistischen „Neuen Weltordnung“ das Ende des Ost- West- Konflikts besiegelt wurde. Wir stellten uns die Warnung vor, die der Golfkrieg bei vielen vom Neokolonialismus und eigenen BeHERRschern beraubten Menschen in den Drei Kontinenten auslösen mußte: Können sie es noch wagen, für ihre Befreiung zu kämpfen, nachdem ihnen auch der kleine Spielraum genommen wurde, im Schatten des Ost- West- Gegensatzes Forderungen durchsetzen zu können? Ist mit der Auflösung des Ostblocks nicht tatsächlich viel Hoffnung begraben worden?
Mit dem Wegfall des Konkurrenzdrucks, gegenüber dem Sozialismus als das bessere soziale System erscheinen zu wollen, konnte sich der Kapitalismus neue Wege brutaler und unverblümter Ausbeutung eröffnen (Stichwort Sozialabbau).
In den Ländern Osteuropas breiteten sich mit der Zerschlagung/ Auflösung der alten Gesellschaften sexistische Gewalt und die Brutalisierung sozialer Beziehungen und Kämpfe schnell aus, und ein neuer Markt für den Frauenhandel in der BRD entstand.
So mußten wir feststellen, weltweit gesehen, daß der Zusammenbruch des 2-Blöcke- Systems erstmal die politischen Bewegungsspielräume verengt oder zugeschüttet hatte, anstatt Freiräume zu schaffen. Aus dem Zerfall des Ost- Imperiums scheint nur der Kapitalismus seine Vorteile zu ziehen, und gesellschaftliche oder gar revolutionäre Alternativen zu ihm sind für uns unsichtbar gemacht, von der Medienpropaganda hinter der Ethnisierung der sozialen und Frauenbefreiungskämpfe verdeckt.
Insgesamt wurde uns klar, daß wir – wie viele andere – vor der Schwierigkeit standen, Hoffnungen auszumachen, aus der wir unsere Kraft zum Kämpfen beziehen können.
Insofern war eine Nähe der FrauenLesbenbewegung und damit auch von uns mit männlich- linken Theoriemustern deutlich geworden. wir waren von deren Hoffnungs- und Orientierungsverlust stärker betroffen, als uns lieb und vorher klar war.
… und wir?
Dieses veränderte politische Klima – zusammen mit den Verunsicherungen durch die Repression – stoppte erstmal all unsere praktischen Pläne. Es waren aber nicht nur diese äußeren Bedingungen, die uns schwächten, hinzu kamen unsere eigenen Fehler:
Wir schätzten unsere Bedeutung und unsere Möglichkeiten nicht realistisch ein. Wir fanden das Projekt „Rote Zora“ in dieser Situation so immens wichtig, daß wir alle unsere Bemühungen darauf ausrichteten, die Struktur aufrecht zu erhalten, und merkten gar nicht, wie sehr wir uns dabei praktisch lahmlegten. Wir unterlagen unserem eigenen Mythos, was sich ebenfalls in unserem hohen Anspruch an eine mögliche Praxis ausdrückte. Wir konnten uns als Rote Zora keine Aktion vorstellen, die hinter die Entwicklung unserer bisherigen Praxis zurückfiel. Das lag aber in der speziellen Situation jenseits unserer Fähigkeiten und Möglichkeiten. Je länger der Zeitraum ohne praktische Politik war, desto höher wurde der Anspruch und desto unmöglicher die praktische Umsetzung. So schloß sich der Kreislauf zunächst einmal.
Die Kontakte untereinander hatten wir zum Schutz der Struktur auf ein Minimum eingeschränkt, von unserem politischen Frauenumfeld fühlten wir uns nicht getragen. Auch das schlug sich negativ auf unsere Lust und Kraft zum Weitermachen aus. Die aufwendige Form der politischen Organisierung ohne konkrete Umsetzung in Aktionen und eine komplizierte Kommunikationsstruktur (nicht selten landeten Papiere im Ofen, bevor sie die letzte erreicht hatten, was eine kontinuierliche Diskussion nicht gerade beflügelt) verstärkten bei vielen von uns Unzufriedenheit und massive Zweifel, ob wir als illegale militante Organisation in der Lage seien, in die politischen Prozesse einzugreifen.
Aus verschiedensten Gründen – andere Schwerpunkte setzen, militanten Widerstand nicht mehr angemessen finden, Festgefahrenheit in der Organisationsstruktur und damit einhergehender Schwerfälligkeit und Verlust von Lebendigkeit – trennten sich die meisten Roten Zoras von unserem Zusammenhang, und somit stehen wir quasi am Neuanfang.
Die grundsätzlichen Fragen nach Wirksamkeit, Legitimation, Ziel, Basis und persönlicher Umsetzbarkeit unserer Politik haben sich uns verschärft gestellt. Das sind zwar Fragen, die uns ständig begleiteten, aber in Zeiten geringer politischer Gewißheit und in Phasen der notwendigen Klärung von Perspektiven werfen wir immer wieder die politischen Erfolgsaussichten und persönliche Gefährdung und Einschränkungen neu in die Waagschale. [32a]
Zudem mußten wir uns gegen den mainstream dieser Zeit behaupten, der v.a. von gemischten Gruppierungen ausging, daß militanter Widerstand in dieser Situation nichts mehr bringe.
Die offene Frage ist nicht eine der Form, sondern wie den Zersplitterungen und lndividualisierungen unserer Metropolenrealität die Gemeinsamkeit einer Strategie entgegengesetzt werden kann, welche zur Entwicklung einer Frauenbefreiungsbewegung auch in der Metropole beiträgt, die damit anfängt, die heutigen weltpolitischen Umbrüche auch in der Metropole in eine radikal- feministische Kraft umzusetzen.
In einer Phase von Perspektivlosigkeit, nachlassendem und zersplittertem Widerstand und geballt erscheinender Übermacht des Systems greift Resignation desto mehr um sich, je mehr wir glauben, die vielen Zuspitzungen sexistischer und rassistischer Gewalt und Ausbeutung ohne sichtbare Gegenwehr hinnehmen zu müssen.
Es liegt an uns, Teil dieser Resignation zu sein oder sie zu durchbrechen!
Ausblicke
Krise und Rekonstruktion des Patriarchats
Um wenigstens anzudeuten, in welche Richtung wir weiter denken wollen und differenzieren müssen, werfen wir einen Über- Blick auf die gegenwärtigen Verhältnisse.
Die weltweite Entwicklung der letzten 20 Jahre ist gekennzeichnet durch eine permanente Zunahme von Kriegen, durch technologisch perfektionierte Ausbeutung und Zerstörung von Menschen sowie ihrer Lebensgrundlagen, durch tendenzielle Auflösung und Umwandlung traditionell – patriarchaler Geschlechterverhältnisse, die Verunsicherung des weißen patriarchalen Mannes in seiner Vorherrschaft, die Beendigung der Phase der sog. Wohlstandsära in den Metropolen, welche einhergeht mit der Zunahme rassistischer Gewalt, Nationalismen, weiterer Zuspitzung der Gewalt gegen Frauen, ihrem Zurückdrängen aus gewonnenen Positionen und ihrer zunehmenden sozialen Spaltung und Polarisierung in verarmende und gutsituierte Frauen.
Wir haben diskutiert, ob sich diese Entwicklungen als Krise und Neukonstituierung des Patriarchats zusammenfassen und anders entschlüsseln lassen.
Die sog. moderne, westlich- weiße Metropolengesellschaft, der weiße Mann als „Erfinder der Aufklärung, der Zivilisation, des Fortschritts, der Entwicklung der Produktivkräfte, von Freiheitgleichheitbrüderlichkeit, Individualismus, Wohlstand und Demokratie“ ist an Grenzen seines patriarchal- produktivistischen Modells gestoßen worden. Es läßt sich kaum noch verschleiern, daß dieses Modell die Grundlagen menschlicher sozialer Existenz zerstört (hat): durch Industrialisierung und Raubbau verwüstete Landstriche, (Natur-) Katastrophen als nicht mehr im Griff zu behaltende Folge des produzierten ökologischen Ungleichgewichts und die Vernichtung und erzwungene Flucht von Millionen von Menschen aus ihrer Heimat. Viele Menschen erfahren in stärkerem Ausmaß, daß die als Entwicklung verkauften Maßnahmen ihnen die Grundlagen ihrer Existenz nehmen, ihre
Abhängigkeit verstärken, und sie demonstrieren Ablehnung, fliehen – als Ausdruck ihrer Forderung nach menschenwürdigem Leben – und entwickeln Widerstand, sind nicht zum Schweigen zu bringen.
Der permanente Raub der „Ressourcen“ aus der armen Welt für die reiche Welt hat die Armut in den Drei Kontinenten immer schneller an- und inzwischen auch in die Metropolen hineinwachsen lassen. Die Strukturen und Verhältnisse in den Ländern der Drei Kontinente spiegeln sich in den Metropolen wider – zunehmende Zahl von Armutsflüchtlingen und auch von verarmenden weißen Menschen – und umgekehrt gibt es in den Drei Kontinenten Inseln wachsenden Reichtums und Konsums inmitten der Armut. Dort tragen insbesondere die Frauen ihre Forderungen nach menschenwürdiger Existenz und gegen die wachsenden rassistischen und sexistischen Gewaltformen in die Öffentlichkeit.
Diese Bedingungen, breiter Widerstand und Strategien dagegen sowie die Stärke, die Frauen in unzähligen Kämpfen entwickelt haben, zwingen das imperialistische Patriarchat dazu, seine Herrschaftsmodelle um7ubauen, um die Grundlagen für das Weiterfunktionieren patriarchaler Konzepte wieder neu herzustellen.
Die Re- bzw. Neukonstituierung des patriarchalen Geschlechterverhältnisses spielt für und in den Kämpfen eine zentrale Rolle.
Das Modell des patriarchalen Wohlfahrtsstaats mit der daran geknüpften Geschlechterbeziehung in den Metropolen Mann = ..Ernährer“. Frau = Hausfrau und „Zuverdienerin“ – ist der Normalität von Arbeitslosigkeit, Entgarantierung von Arbeitsverhältnissen und wachsendem Arbeitsdruck und Existenzsorgen v.a. vieler Frauen, aber auch von Männern, gewichen. In der materiellen Zuspitzung wachsen die rassistischen und sexistischen Kämpfe um neue Macht- Teilhabe vor allem der Männer an.
In der Metropole fangen wir erst an, uns mit den neuen Formen sozialer Polarisierung – z.B. über Kontakte zu geflüchteten Frauen – auseinanderzusetzen.
Frauen haben sich überall auf der Welt politisches und soziales Terrain erkämpft, das ihnen nicht ohne massive Repression genommen oder nicht bruchlos in Modernisierungsstrategien des kapitalistischen Patriarchats umgesetzt werden kann.
Es ist wichtig und hilfreich, uns dessen bewußt zu sein und uns klar zu machen, daß das Um- sich- schlagen, die gewaltsamen Anstrengungen und brutalen Maßnahmen der Männer(bünde) zur Wiederherstellung und Erneuerung ihrer Macht Ausdruck Iavon sind, wie angeschlagen ihre Machtbasis ist.
Daher gibt es allen Grund, Hoffnungen und Chancen, an der bisher entwickelten Frauenstärke anzuknüpfen und der Erneuerung und Verfestigung patriarchaler Machtverhältnisse entgegenzutreten.
Reproduktion und Produktion
Unsere Gedanken kreisten weiter um das Verhältnis von Reproduktion und Produktion in den sog. metropolitanen Wohlfahrtsstaaten. Linke Theorien, die alle gesellschaftlichen Analysen an die Produktionsverhältnisse knüpfen, können die sozialen Bedingungen von Frauen und des Frau- Seins in dieser Gesellschaft nicht erfassen. Feministische Analysen haben herausgearbeitet, laß die Reproduktionsleistungen von Frauen (z.B. Schwangerschaft, Gebären, Kinderversorgung und -erziehung, psychische und physische Versorgung der Männer, unbezahlte Sozialarbeit n der Gesellschaft …) über die Anbindung an die Produktion, an die Lohnarbeit von Männern – neben der stärkeren Ausbeutung von Frauen in der Lohnarbeit selbst – intensiv ausgebeutet werden. Die kapitalistische Lohnarbeit baut auf der kostenlosen reproduktiven Arbeit der Frauen auf. Die Definition der „Reproduktionssphäre“ und die Macht über sie, die Kontrolle über die Frauen, ist ein zentrales Prinzip des weißen Patriarchats.
Wir denken, daß diese Analysen, so verkürzt sie auch angedeutet wurden, nicht weit genug gehen: Re- Produktion ist weit mehr als las, was in der patriarchal- kapitalistischen Dualität von Produktion und Reproduktion definiert wird. Reproduktion ist in dieser Dualität bereits Teil männlicher Herrschaftsorganisierung.
Der kapitalistisch- patriarchale Produktivismus – Prinzip der Herrschaft des Mehrwert- Produzierens/ der Kapitalakkumulation/ der Ware über die Gesellschaft, über die Menschen und über die Natur – ist darauf ausgelegt, Arbeit, die zur Aufrechterhaltung der sozialen Existenz von Menschen, für ihre Ernährung, ihr Wohlbefinden, ihre Re- Generation (in jeder Hinsicht), ihre Kultur, ihre Lebensfreude, getan wird, als solche zu zerstören, sie für seine Zwecke umzuformen, in seine Ausbeutungsstrukturen einzubinden.
Solange die gesellschaftliche Re- Produktion (Aufrechterhaltung und Gestaltung individueller und kollektiver Existenz) Grundlage der Produktionsweise war, gab es zwar bereits geschlechtliche Arbeitsteilung, auch hierarchische; was und wie hergestellt wurde, war aber – trotz aller Ungleichheit – immer noch an Existenzbedürfnissen aller orientiert und gewährleistete eine Weiterexistenz.
N4it dem kolonialen Raub erfolgte ein erster großer Schub des patriarchalen Produktivismus, der die materielle Basis für die „Entwicklung“ der westlichen „zivilisierten“, bürgerlich- kapitalistischen Gesellschaft bedeutete: Raub und Zerstörung der Reproduktion(sfähigkeit) anderer Gesellschaften, (ihrer anderen Re- Produktionsweise, ihrer sozialen Strukturen, ihrer Kultur), ahne jede Achtung vor lebendigen Zusammenhängen.
Parallel wurde hier die Entmachtung und Unterwerfung der Frauen massiv durch die Hexenverfolgung forciert: die Verdrängung der Frauen aus der Öffentlichkeit, die Enteignung ihrer reproduktiven Fähigkeiten, die Zerstörung ihrer Autonomie und die Brechung ihres Widerstandes, um die „vernünftige Zuarbeit“ der Frauen im heterosexistisch- kapitalistischen Patriarchat zu erzwingen. Zur Absicherung ihrer Existenz und zur Erlangung dieser „geliehenen Macht“ nahmen/nehmen viele weiße Frauen diese Zuordnung an; viele andere wurden ermordet.
Beide Prozesse – kolonialer Raub und Hexenverfolgungen – gehören zusammen, auch wenn sie an sich nicht vergleichbar sind: Für den kapitalistisch- patriarchalen Produktivismus war/ ist die Zerstörung von reproduktiver Autonomie Grundlage seiner Existenz, ein permanenter Prozeß, sein „Lebenselexier“ zur Entwicklung einer Produktivität der scheinbar unbegrenzten Möglichkeiten (einschließlich der militärisch- technologischen Zerstörungsmacht). Es gab und gibt keine „Entwicklung“ der weißen ohne die Zerstörung der Schwarzen Gesellschaften, kein kapitalistisches Patriarchat ohne die Abtrennung der Frauen (Schwarzer und weißer Frauen unterschiedlich) von ihren Subsistenzgrundlagen und ihrem umfassenden re- produktiven Wissen.
Das kapitalistisch- patriarchale System des kolonialistisch- imperialistischen Raubes konnte/kann nur mit weitgehender Einbindung der weißen Frauen funktionieren, so daß die Verhältnisse in den Drei Kontinenten mit auf dem hier durchgesetzten patriarchalen Geschlechterverhältnis basieren. Das metropolitane Geschlechterverhältnis ist in dieser Form (materielle Absicherung über den Mann, eigene Karrieremöglichkeiten für Frauen, rassistischer Herrinnenstatus) wiederum nur aufgrund des kolonialen Raubes und des Rassismus möglich. Die gegenseitige Bedingtheit der Geschlechterverhältnisse in ihren Auswirkungen auf die sozialen/ materiellen Bedingungen der Frauen zu sehen, ist u.E. wichtig für die Entwicklung einer aufeinanderbezogenen Perspektive. [34]
Der Zerstörungsprozeß durch den patriarchalen Produktivismus ist inzwischen soweit fortgeschritten, daß es auf der Welt fast nirgendwo mehr sich selbst reproduzierende Gesellschaften gibt, entsprechend gibt es auch so gut wie keine „Subsistenzarbeiterinnen“ mehr. Frauen Afrikas, Asiens, Lateinamerikas, Ureinwohnerinnen Nordamerikas und Australiens kämpfen eher um Überlebensmöglichkeiten gegen diese allumfassende Zerstörung.
Daß Frauen weltweit ihren Widerstand gegen diesen Prozeß setzen, eigene Handlungsbereiche, Lebensstrategien und Stärke entwickeln, was Vandana Shiva als Kampf um das „weibliche Prinzip“ bezeichnet, ist weiter vorne im Kapitel Internationalismus beschrieben. Sie leitet dieses Verständnis aus der indischen bzw. asiatischen Kultur her, von daher ist es nicht einfach auf unsere Verhältnisse übertragbar, doch gibt sie damit eine Richtung an, von der wir lernen können: Kampf um Re-Produktion im weitesten Sinne, gegen die Dualität von Reproduktion und Produktion gerichtet, könnte eine der Grundlagen des Kampfes von Frauen gegen das Patriarchat auch hier sein.
In der kapitalistischen „Reproduktionssphäre“ entwickeln sich Widersprüche und Brüche, die dennoch für die Entwicklung feministischer Kämpfe wichtige Bezugspunkte darstellen.
Die restlose Umwandlung der Re-Produktion in kapitalistisch Verwertbares und der Kampf um Existenz wird in erster Linie auf dem Rücken von Frauen ausgetragen. Sie sind „mit Haut und Haar“ zunehmend der Verwertung ausgeliefert, müssen durch Mehrarbeit geringer werdendes Einkommen ausgleichen, sind mit zunehmender Gewalt von Männern konfrontiert.
Bei dieser Diskussion haben wir gemerkt, wie sehr wir selbst in der dualistischen Definition der Begriffe eingebunden sind, daß wir eine feministische Vorstellung von Re- Produktion, die für uns eine gänzlich neue Sicht erfordert, nicht mal ansatzweise entwickeln können. Unsere Vorstellungen sind bestimmt durch die Ablehnung der männlich definierten Produktionssphäre wie auch der für Frauen defininierten Reproduktionssphäre. Welches Verständnis von Re- Produktion müßten wir uns erarbeiten – und welche Visionen, Kampfmöglichkeiten und politische Strategien von/für Frauen können sich daran knüpfen?
Zustände, Umbrüche, Widerstände in der BRD
In Zeiten der Rekonstitution versuchen die Herren erneut, auch hier ihre Macht zu stabilisieren, neue Ausbeutung mit struktureller und direkter Gewalt durchzusetzen, die Hierarchien im Geschlechterverhältnjs wiederherzustellen, von FrauenLesben erkämpfte selbstorganisierte Strukturen zu zerschlagen.
Gleichzeitig wird die Spaltung zwischen Frauen immer krasser. Einerseits bietet unsere Gesellschaft weißen Frauen Karriere, gut bezahlte Jobs und sogar manchmal Führungspositionen an. Andererseits wächst die Armut vieler alter Frauen, von Migrantinnen und geflüchteten Frauen, Alleinerziehenden, Sozialhilfebezieherinnen etc.
„Hinter jedem (erfolgreichen) Mann steht eine Frau, die sich um und für ihn sorg“. Dieser Satz gehört mittlerweile zur Frauenallgemeinbildung, wohingegen geschickt kaschiert wird, daß immer öfter hinter der berufstätigen Mittelschichtsfrau, mit und ohne Kinder, eine Migrantin steht, die für sie die lästige Hausarbeit erledigt und die Kinder versorgt. Nicht selten profitieren sie dabei von der Schwierigkeit der Migrantin, eine Arbeitserlaubnis zu erhalten, dank Ausländergesetz (Apartheid auf deutsch). Diese Form der sozialen/ rassistischen Ausbeutung wird dann noch als soziales bzw. anti- rassistisches Verhalten legitimiert („ohne diesen Job geht es der Migrantin noch schlechter“..).
Viele Frauen stehen wieder vor der „Wahl“, sich ihr Brot als flexible Billigarbeitskraft zu verdienen oder sich in die Abhängigkeit von Männern zu begeben. Die Frauen in der ehemaligen DDR besaßen über ihre Arbeit und berufliche Qualifikation eine bestimmte Unabhängigkeit von Männern. Durch die Verdrängung vom garantierten Arbeitsmarkt, die Schließung von Kinderkrippen sollen sie zu jeder schlechtbezahlten und unqualifizierten Arbeit gezwungen und parallel dazu an Mann, Kinder und Herd gebunden werden. Doch die Frauen lassen sich das nicht gefallen. Sie verweigern die Ehe und das Kinderkriegen. Die Bevölkerungsplaner klagen über Rückgang der Geburten (bis zu 60%) und der Eheschließungen.
Feministische Inhalte werden integriert und institutionalisiert (Gleichstellungsstellen, staatliche Frauenprofilierungsprojekte) und ihnen wird damit ihre politische Brisanz genommen. Der Geschlechterkampf soll zumindest von seiten der Frauen als beendet erklärt werden. Angesichts staatlicher, rassistischer, antisemitischer und sexistischer Einbindungsstrategien, die mit emanzipativer Diktion auftreten, ist eine Hinterfragung feministischer Forderungen ebenso wie das Beharren auf feministischen Positionen wichtiger denn je.
Männer bauen ihre Machtpositionen aus. Sexuelle Gewalt- und Machtverhältnisse, die durch die Frauenbewegung offengelegt und bekämpft wurden, werden unverhohlen zu sexuellen Freiheiten umgedeutet. Frauen, die sich dagegen zur Wehr setzen, werden gleichgesetzt mit den Moralaposteln der Kirche, deren Frauenbild und Ideologie ja gerade sexuelle Gewaltverhältnisse hervorbringt und begünstigt.
Die sexuelle Verfügungsgewalt von Männern über Frauen ist in den letzten 25 Jahren massiv angegriffen worden (Kampagnen gegen Gewalt gegen Frauen, Lesbenbewegung, Aufdeckung von sexueller Gewalt gegen Kinder, vor allem Mädchen …). Jetzt versuchen Männer, verlorenes Terrain wiederzugewinnen, indem sie sexuelle Gewalt verharmlosen, als Hysterie von Feministinnen diffamieren und die gesellschaftliche Dimension verleugnen. Durch Gewalt gegen Frauen und Mädchen zeigt sich jeder Frau jeden Tag die ganze Kaputtheit, Verrohung und Unmenschlichkeit des Patriarchats. Der Kampf dagegen rüttelt an einigen Grundpfeilern des weißen Patriarchats: Geschlechterrolle, bürgerliche Kleinfamilie, Zwangsheterosexualität, geschlechtliche Arbeitsteilung
Um dem gesellschaftlichen Prinzip ‚teile und herrsche‘ entgegenzutreten, muß eine feministische Perspektive die soziale Realität von Frauen einbeziehen, an ihrem Widerstand anknüpfen.
In diesem Zusammenhang sehen wir die Kämpfe und Mobilisierungen
der Roma für ihr Bleiberecht;
von Flüchtlingen gegen ihre unmenschliche Unterbringung und Behandlung, gegen Abschiebung;
der geflüchteten Frauen und Migrantinnen für ein eigenständiges Aufenthaltsrecht, für das Recht auf Asyl aufgrund sozialerund institutionalisierter Formen der Unterdrückung von Frauen als auch aufgrund sexueller Gewalt als Mittel der Verfolgung sowie der psychischen und physischen Unterdrükkung und Verfolgung aufgrund von Homosexualität
von Migrantinnen und Afro- deutschen Frauen gegen strukturellen und direkten Rassismus;
der jüdischen Frauen gegen strukturellen und direkten Antisemitismus;
von Krüppelinis gegen eugenische Praxis und Euthanasie und die Verbreitung solcher Ideen (keine Diskussion um das Lebensrecht!);
von Frauen gegen den § 218, gegen das Experiment von Erlangen als Ausdruck patriarchaler Medizin und männlichen Machbarkeitswahns, gegen Menschen- und Organhandel;
gegen sexuelle Gewalt;
von Prostituierten für die Verbesserung ihrer Arbeitsbedingungen.
Viele Frauenkämpfe dringen mit Sicherheit nicht an unser Ohr – Arbeitskämpfe, alltägliche Reproduktionskämpfe … und finden insgesamt in der weißen FrauenLesbenbewegung wenig Unterstützung.
Zwar gibt es viele radikale Frauen hier, doch äußert sich das z.Zt. kaum in nach außen gerichteten Aktivitäten. FrauenLesbenbewegung ist derzeit eher ein Gefühl, als daß sie sich in gemeinsam erfahrbarer Stärke manifestiert. Ursache für Resignation, Rückzug oder bewahrende Haltungen sind u.E. einerseits die Schärfe des patriarchalen Angriffs, andererseits auch die Unfähigkeit, ein soziales politisches Leben in kollektiven Formen gegen das System zu leben. Ausgeprägter Individualismus, dogmatisches Denken, Seperatismus, Intoleranz oder Gleichgültigkeit gegenüber unterschiedlichen Positionen, die Begrenztheit des produktiven Streitens, genaues Zuhören fällt uns schwer – diese soziale Realität, als Spiegelung der gesellschaftlichen Verhältnisse, stellt nicht gerade eine günstige Bedingung für die Durchsetzung unserer feministischen Ideen dar.
Es gibt Ansätze von FrauenLesben, die nicht von Agonie oder Opportunismus gekennzeichnet sind, eine Politik zu betreiben, die sich weniger an abstrakten Theorien orientiert, die andere und eigene soziale Erfahrungen zum Ausgangspunkt nimmt. Seit einiger Zeit gehen FrauenLesben bewußt aus dem selbstgewählten Ghetto heraus, versuchen ihre feministische Praxis in direktem Kontakt mit FrauenLesben aus anderen Ländern zu entwickeln, gemeinsam politische Strategien zu überlegen, die unmittelbar mit der Bewältigung von Alltagsproblemen verbunden sind. Wenn Wir es schaffen, diese sozialen Verhältnisse nicht zu hierarchisieren oder zu sozialarbeiterinnisieren und die Kämpfe der behinderten Frauen (und Männer), der Migrantinnen (und Migranten) und Flüchtlinge und der Frauen, die die rassistischen, antisemitischen und sexistischen Verhältnisse nicht mehr mittragen wollen, zu einem gemeinsamen Interesse werden lassen, liegt darin eine ungeheure Sprengkraft.
Wir müssen in Unserer Politik diskutieren, daß die individuelle Lebensbewältigung/- organisation immer mehr Zeit und Kraft abverlangt (Mehrarbeit durch miese Jobs, isoliertes, vereinsamtes Leben, Arbeitslosigkeit und damit höherer zeitlicher Aufwand, das Leben mit weniger Geld zu organisieren, Sozialhilfebezug und zukünftige Zwangsarbeit) und die Praxis in FrauenLesbengruppen beschneidet.
Auf die patriarchal gesellschaftlich organisierte Zersplitterung, Spaltung und Zerstörung gemeinsamer sozialer Erfahrungen suchen wir kollektive Antworten, in denen die Orientierung am reproduktiven, kollektiven und kreativen Handeln, dem „weiblichen Prinzip“, zum Ausdruck kommt.
Ausblicke
Zum Schluß wollten wir Gedanken zur Einschätzung der aktuellen Situation formulieren in Richtung einer konkreten Perspektive, die aber nicht allein am Schreibtisch entworfen werden kann und für die noch wichtige (unverzichtbare) Analysen gemacht werden müssen, um zu einer politischen Einschätzung und Strategie zu gelangen – wie z.B.: Begreifen der Situation von geflüchteten Frauen, von armen Frauen, von alten Frauen, von Mädchen, von Arbeiterinnen, von Migrantinnen, von behinderten Frauen, von Frauen aus der Ex- DDR, Aufarbeitung der feministischen Bewegung …
Das haben wir in diesem Papier nicht geschafft. Wir haben uns vorwiegend mit unserer eigenen Geschichte beschäftigt, bisherige Standpunkte hinterfragt und angefangen weiterzudenken. Wir wollen dieses Papier mit einigen Uberlegungen und Ideen, die wir für unsere feministische Orientierung und unser eigenes Handeln wichtig und spannend finden, dieses Papier beenden.
In den vielen Diskussionen um den Schlußteil haben sich, verknüpft mit dem bisherigen Text, unterschiedliche Positionen unter uns herauskristallisiert und festgefahren. Im Text betonen wir, daß wir in unserer politischen Sozialisation von linken Ideen mitgeprägt sind und durch diese Theoriebrille gefärbte Blicke auf die Welt werfen. Wir haben festgestellt, daß uns alte Analysemuster und Betrachtungsweisen in eine Sackgasse führen, daß wir uns nicht an linken Denkmustern orientieren, sondern neue Wege verfolgen wollen. Das ist uns nur manchmal gelungen.
In der antiimperialistischen Sichtweise, die den Schwerpunkt auf materielle! ökonomische Ausbeutung im umfassendsten Sinne (Zerstörung von Lebensgrundlagen, Zurichtung auf und Ausbeutung von sexistischen, antisemitischen und rassistischen Gewaltverhältnissen…) legt, verliert sich häufig die antipatriarchale feministische Betrachtungsweise. Deswegen ist der Text mit Widersprüchen gefüllt, zwischen Festhalten und Verabschieden von linker eurozentristischer Theorie. Schwierigkeiten sind uns v.a. da begegnet, wo deutlich wird, wie wir selbst Teil der metropolitanen Verhältnisse sind und diese reproduzieren.
Wir leben hier in einer technologisch hochgerüsteten Gesellschaft, die nur überlebt, wenn sie zerstört und raubt (von sog. Bodenschätzen, Nahrung bis hin zu Musik und dem Erleben von Exotik, von Gastfreundschaft bis zu kämpferischen Erfahrungen). Es ist eine hoch- informatisierte patriarchale Gesellschaft, in der überwiegend herrschende Ideologien transportiert werden, die eben auch unsere Köpfe kolonisieren und unser Denken und Fühlen ebenso nach produktivistischen Maßstäben funktionieren lassen.
Aufgrund der Komplexität der Gesellschaften kann der Blick auf die Welt allzu leicht in Beschreibungen und Analysen herrschender Macht und Strategien steckenbleiben, ohne sie in einem ständig wechselseitigen Prozeß mit den Verweigerungen, der Gegenwehr, der (Durch-) Setzung kollektiver Lebenspraxis der Menschen, besonders der Frauen, zu begreifen.
Ein tiefes Verständnis anderen Gesellschaften gegenüber bleibt uns meistens verschlossen und damit auch ein differenziertes „Wissen“ um die Lebensbedingungen und Kämpfe der Frauen.
Das Problem von Homogenisierungen in unseren Köpfen ist uns bewußt; andererseits sehen wir die Gefahr, ohne den Versuch einer gegen die patriarchal- imperialistische Herrschaft gerichteten gobalen Sichtweise (die immer vereinfachend ist) nicht weiterzukommen, eigene Ideen und Ziele nicht relativieren zu können, kein Korrektiv zu haben und falsche Wege zu gehen.
Es ist uns selbst nicht klar, ob wir den Anspruch auf eine universalistische feministische Theorie aufgegeben haben. Oder ob sich diese Denkweise noch immer schleichend, verschleiert durch unsere Gedanken zieht – eine weiße europäische Tradition, die mit Kolonialismus, Imperialismus und den von hier definierten, an Zerstörung gekoppelten Menschenrechten einhergeht. Das universalistische Denken (dem Universellen liegt immer ein Machtanspruch zugrunde) in der weißen feministischen Theorie geht letztlich davon aus, doch eine allgemeingültige Antwort auf die weltweiten Formen von Unterdrückung, Ausbeutung und Gewalt zu finden; und sei es über die Formulierung allgemeiner Ziele wie „keine Unterdrückung/keine Hierarchien, gegen Rassismus und Sexismus“, um doch noch eine Grundlage zu haben, auf der alle Schwarzen und weißen Frauen den gemeinsamen Kampf führen.
Gloria Joseph betont, daß sie dringend eine „spezifisch Schwarze feministische Analyse brauchen, weil die psychologische Dynamik zwischen Schwarzen Männern und Schwarzen Frauen, die sich im Zusammenhang der bestehenden ökonomischen Bedingungen abspielt, qualitativ und kulturell von der weißen verschieden ist.“ [33]
Wir wären einen Schritt weiter, wenn wir unsere unterschiedlichen Bedingungen und Wege akzeptieren würden, nicht als Lippenbekenntnis, sondern sie mit dem Herzen begreifend.
Ein selbstverständlicher Umgang in Respekt und Toleranz täte unseren weißen Strukturen gut, würde Abgrenzung/ Ausgrenzung gegenüber anderen Frauen beenden und uns befähigen zuzuhören, soziale Verhältnisse und Positionen nicht nur nach eigenen Kriterien zu beurteilen und die Vielfältigkeit der unterschiedlichen Kämpfe als Voraussetzung für gemeinsames Handeln zu nehmen.
Anmerkungen
[1] An den Veröffentlichungen unserer alten Texte sehen wir, daß das Interesse an unserer Politik weiterhin besteht. Uns fehlt aber eine kritische Auseinandersetzung damit.
[2] Obwohl viele der damals entstandenen Frauenprojekte ihre Existenz und ihren Integrationsprozeß der Stärke öffentlich- radikaler FrauenLesbenbewegung/ -aktionen und dem dadurch gewährleisteten Schutz verdanken, distanzierten sich viele FrauenLesben von militanter Politik, um ihre Strukturen vor möglicher Kriminalisierung zu bewahren und sich gesellschaftliche Akzeptanz zu sichern. Heute zeigt sich, wie sehr es auf die Stärke der Gemeinsamkeit ankommt: Viele der von staatlicher Finanzierung abhängigen Projekte sind kaum noch in die autonome FrauenLesbenbewegung integriert bzw. diese Bewegung selbst ist im Moment ziemlich schwach. So ist die Strategie der Herrschenden teilweise aufgegangen, die darauf zielte (und immer wieder darauf zielen wird), radikale Bewegungen durch die Integration von Teilen in kontrollierbare Bahnen zu kanalisieren und die ‚integrationsunwilligen‘ abzuspalten. zu isolieren. Wenn ihnen das gelingt, dann ist es möglich – wie sich heute zeigt – daß schnell wieder all das genommen werden kann, was vom Zugeständnis der Herrschenden abhängt.
[3] Ein anderes Beispiel für das Aufgeben radikaler Systemgegnerlnnenschaft ist auch die damals beginnende Alternativbewegung: ursprünglich / von der Idee her gegen den kapitalistischen Markt, gegen Ausbeutung, Entfremdung und Konsum gerichtet, entwickelte sie sich schnell zur Alternativ- Ökonomie, zum Vorreiter und Bestandteil für kapitalistisch- innovative Erneuerung.
[4] „Drei Kontinente“, nämlich Afrika, Asien und Lateinamerika bezieht sich auf den politischen Begriff der Trikontinentale, der von den antiimperialistischen Befreiungsströmungen in den 60er Jahren benutzt wurde: aus der Erfahrung der Gemeinsamkeit imperialistischer Unterdrückung und Auspressung und der Kämpfe dagegen in allen drei Kontinenten schöpften viele Kämpferinnen ihre Kraft und Hoffnung auf Befreiung vom übermächtigen Feind.
[5] Daß z.B. die Herrschaft der Sandinisten in Nicaragua im Verhältnis zur Somoza- Diktatur eine qualitative Verbesserung der Lebensbedingungen bedeutete, ist keine Frage. Insofern hat es revolutionäre Prozesse gegeben. Das widerspricht aber unserer Problematisierung nicht. (Siehe dazu auch die Ausführungen zu Marxismus Leninismus und Befreiungsbewegungen.)
[6] Festnahme anti- rassistischer Demonstrantlnnen. die die Flüchtlinge in den Unterkünften bei der ZAST in Rostock- Lichtenhagen schützen wollten. Anderntags fanden die rechten Pogrome statt, die sie benötigen, um die Vertreibungs- und Abschottungsgesetze gegen Flüchtlinge durchzusetzen.
[7] In der Zeit vorher und auch später hat es immer wieder Aktionen von militanten FrauenLesben- Kleingruppen gegen diese Läden gegeben: „Aufräumen“, Schlösser verkleben, sprühen, Fenster einschmeißen, stinken …
[8] z.B. die zunehmend brutalisierte Gewalt der Väter und (Ehe-) Männer, der florierende Handel mit Kinderpornos und die erhöhte Nachfrage nach Kinderprostituierten sind verschiedene Ausdrucksformen in der momentanen Entwicklung sexistischer Alltagsgewalt.
[9] Sprengstoffanschlag gegen die philippinische Botschaft in Bonn 1982, gleichzeitig Brandanschlag gegen das Auto des „Ehevermittlers“ Kirschner in Köln.
[10] Erinnern wollen wir an die gelungene Aktion der Rasenden Zora, die einen Händler überfiel und exemplarisch bestrafte.
[11] In diesem Sinne könnten wir auch von „Heiratsmigration“ sprechen.
[12] Mit unseren Planungen sind wir indem an eine besondere Grenze gestoßen: es hat uns ständig Probleme bereitet, Ziele auszugucken, die sozusagen inhaltlich optimal sind, bei deren Angriff aber die Gefährdung von Personen oder die Freisetzung von unbekannten und evtl. gefährlichen Materialien ausgeschlossen werden konnte (Hochsicherheitsbereiche, Unterbringung vieler Laboratorien! Institutionen in gemischt genutzten Bereichen wie z.B. Krankenhäusern). Dadurch war die Auswahl eingeschränkt.
[13] Es ist augenfällig, daß heute, wo es praktisch keine Bewegung dagegen mehr gibt, die Genbetreiber mit aller Macht versuchen, die weitere Liberalisierung des Gentechnik- Gesetzes durchzusetzen.
[14] Die Durchsuchungen, Verhaftungen und Fahndungen vom 18.12.87, dazu später noch mehr.
[15] Sprengstoffanschlag auf die Adler- Hauptverwaltung in Aschaffenburg im Juni 1987; Brandanschläge gegen Adler- Verkaufsmärkte gleichzeitig in Aachen, Bremen, Frankfurt/M., Halstenbek, Holzwickede, lsernhagen, Kassel, Neuss, Oldenburg im August 1987. Adler ist ein Textmulti mit großen Verkaufsmärkten in der BRD, der u.a. in Fabriken in Südkorea produzieren läßt. Zur Zeit der Anschläge waren die Textilarbeiterinnen einer dieser Fabriken in Südkorea – Flair Fashion – im Streik, den wir durch unsere Aktionen unterstützt haben (s.u.).
[16] Kurz nach unseren Aktionen machte eine Frauengruppe dieses Namens einen ähnlichen Anschlag gegen den Berliner Verkaufsmarkt der Firma Adler.
[17] höherer Stundenlohn, Zulassung unabhängiger Gewerkschaft, keine sexuelle Gewalt, keine Entlassungen infolge der Arbeitskämpfe bzw. Wiedereinstellungen
[18] Ein Beispiel wäre das Verhältnis von der FMLN zur Bevölkerung in den befreiten Gebieten von El Salvador Ende der 80er Jahre, wohin die Menschen geflohen waren, um unter dem bewaffneten und politischen Schutz und mit Unterstützung der FMLN selbstbestimmte Basisstrukturen aufzubauen.
[19] Dieses Überlegenheitsdenken ist mit dem Beginn der Neuzeit entstanden (Ende 15., Anfang l6.Jh.) – Kolonisierung, der Mord an 4 Mio Frauen (Hexenverfolgung = Enteignung von Frauenstärke und Zurichtung auf die Neue Zeit), die Vertreibung der Juden aus Spanien. Pogrome und Sonderbehandlungen gegen sie in anderen europäischen Regionen. Die Ideologie der Höherentwicklung basiert auf diesen Voraussetzungen. Die kapitalistische Entwicklung des „Abendlandes“ wäre Ohne die bis heute fortgesetzte Vertreibung. Zerstörung. Unterwerfung und Ausbeutung von Menschen und Natur nicht möglich gewesen. Das Überlegenheitsdenken stellt also die wahren Verhältnisse auf den Kopf. Die reale Abhängigkeit der Metropole von den Kolonisierten und den Frauen steht im Gegensatz zu ihrer paternalistisch- missionarischen Unabhängigkeitsideologie.
[20] Wir wollen anderen FrauenLesben nicht absprechen, für sich andere Entscheidungen zu treffen. Wir kritisieren aber, wenn dabei weiterhin Widersprüche vertuscht und eigene Frauenbefreiungsziele nicht ins Verhältnis gesetzt werden zu konträren Machtansprfichen und Positionen von Befreiungsorganisationen.
[21] vgl. Vandana Shiva: Das Geschlecht des Lebens
[22] Nora Astorga, sandinistische Guerillera und spätere Diplomatin, wurde als „Mata Hari“ bekannt, weil sie einen verhaßten somozistischen Folterer- General zu sich lockte, den ihre Genossen dadurch mit dem Tod bestrafen konnten.
[23] „Recompas“ und „Recontras“ kämpfen bis heute mit bewaffneten Besetzungen, Geiselnahmen und Aufständen um ihre Forderungen nach Abfindungen, Land und Zukunftsperspektiven. Die Chamorro- Regierung konnte die Führer oft mit Zugeständnissen abspeisen oder kaufen, und ihre Landnahmen und Arbeitssuche verschlechterte zudem noch die Überlebensbedingungen dort lebender Frauen.
[24] Das läßt sich sinngemäß in etwa mit „jetzt erst recht kämpfen wir als Frauen“ übersetzen, in Bezug auf die recompas und recontras.
[25] Von Nolte und seinen Schülern verbreitete Position zum Holocaust, der relativiert und verschleiert wird über vergleiche mit ‚anderen‘ Völkermorden und kriegerischen Auseinandersetzungen, und die die Singularität des Holocaust verneint. Diese Position wurde von anderen und liberalen HistorikerInnen kritisiert. Wichtig daran bleibt aber ihre öffentliche Formulierung und die damit verbundene Tabubrechung, die gesellschaftlich offensiv betrieben wurde.
Heute fordern Stimmen z.B. in der Wirtschaftswoche, daß auf die. Wirtschaftspolitik der Nazis als „spannende Zahlen und Maßnahmen“ zurückgegriffen werden können muß, unabhängig von der Vernichtung der jüdischen Menschen. Die heutige Öffnung Osteuropas für die deutsche Wirtschaft spielt in Analogie zum NS dabei eine entscheidende Rolle.
[27] Die Veröffentlichung und Vernichtung von NS-Akten im Humangenetischen Institut Münster 1986 und von der ‚Zigeunerdatei“ in Köln 1989 waren Ausnahmen, die an dieser Tatsache wenig ändern können. Daß eine RZ- Gruppe sich ausgerechnet mit dem populistischen Argument „fehlender Resonanz“ auf die Flüchtlingskamnaane und die Veröffentlichung der „Zigeunerakten“ von illegaler Politik verabschiedet hat, finden wir beschämend.
[28] Auch zu den Sinti und Roma verhalten sich nur sehr wenige Menschen solidarisch, und von diesen wenigen der größte Teil erst dann, als diese selbst mit vielfältigen Aktionen ihr Bleiberecht einforderten.
[29] Am 18.12.87 fanden bundesweit Hausdurchsuchungen in Privatwohnungen an Arbeitsplätzen statt. Ulla und Ingrid wurden an diesem Tag bzw. nach 2 Tagen verhaftet, andere später zur Fahndung ausgeschrieben. Staatlicherseits wurden die Verhaftungen als Erfolg gegen die Rote Zora und RZ gefeiert.
[30] Ausdruck der Ausblendung von praktischem, illegalem Widerstand als Bestandteil des FrauenLesbenkampfes war auch, daß mehrheitlich die Gen- und Reproduktionstechnologien zum auschließlichen inhaltlichen Thema der Solidaritätskampagne gemacht wurden. Das Thema Adler, das für uns ja als letztes vor dem 18. auf der Tagesordnung gestanden hatte, wurde fast vollständig „umgangen“, obwohl es dazu von FrauenLesben auch nach dem 18. noch ein paar öffentliche Aktionen gegeben hat.
[31] Eine genaue Auseinandersetzung mit Repression muß Bestandteil des politische Alltags sein, darf aber nicht dazu führen, daß FrauenLesben aus Angst vor Repression die Grenzen freiwillig vorverlegen. Die Furcht vor dem „Konstrukt“ – ohne dies im Zusammenhang mit konkretem illegalen Widerstand zu sehen – hat wahrscheinlich mit dazu beigetragen, daß die öffentlichen politischen Räume heute so wenig gefüllt sind.
[32] Wir haben dieses einschneidende Ereignis heute weitestgehend verdrängt, finden aber eine grundsätzliche Auseinandersetzung damit dringend notwendig, denn der Krieg ist nicht zu Ende.
[32a] Darin wurde uns einmal mehr bewußt. daß uns als weißen FrauenLesben in der Metropole in bestimmtem Grade individuelle Wege der Selbstverwirklichung offenstehen. d.h. relativ zufriedenstellende Betätigung in Studium. Ausbildung, Job etc., in die sogar ein Teil der politischen Identität eingebracht werden kann, aber die als individuelle Lebensweise jenseits eines kollektiven Prozesses des Sich- gegen- die- Verhältnisse- Stellens und der entsprechenden Verantwortlichkeit für und untereinander liegt. Diese Wahlmöglichkeit ist keine Spezialität der Roten Zora, sie betrifft auch andere FrauenLesbenzusammenhänge. Sie erschwert unsere kollektiven Prozesse, was sich darin ausdrückt, daß Unsere Politik oft abgekoppelt ist vom sogenannten Privatleben (Job/Freizeit), und den Widerspruch beinhaltet, sich einerseits innerhalb dieses Systems einzurichten (sozusagen im Privatleben), andererseits das System zu bekämpfen (in den politischen Gruppen). Diese Trennung aufzuheben ist ein notwendiger Schritt, wenn wir hier die Verhältnisse zum Tanzen bringen wollen. 1x die Woche zur Frauengruppe, und 2x zur Selbstverteidigung und 1x im Monat zur Demonstration reichen da nicht.
[33] Schwarzer Feminismus. Gloria I. Joseph, Hrsg., Berlin 1993)
[34] Der Begriff „Hausfrauisierung der Arbeit“, der die zunehmende Nichtbezahlung von Arbeit weltweit benennen soll, ist dafür eher ein Negativbeispiel: in eurozentrischer Sicht wird ein Merkmal des hiesigen Geschlechterverhältnisses auf trikontinentale Bedingungen übertragen, so daß weder die Unterschiedlichkeit noch die gegenseitige Abhängigkeit der Geschlechterverhältnisse erfaßt wird.